Full text: Eyewitness account by Rabbi Dr. Max Eschelbacher of his journey to Berlin in 1949

P. IV. a. No. 541.

Berlin 1949, Reiseeindrücke

Die Russische Zone beginnt in Mitteldeutschland, in ihr liegen Erfurt, Magdeburg und Leipzig. Im Osten erstreckt sie sich bis zur russischen und polnischen Grenze. In diesem grossen Gebiet, das beinahe das halbe Deutschland umfasst, liegt Berlin, aber es ist aus ihm herausgehoben und untersteht nicht der russischen Herrschaft, sondern der der vier Besatzungsmächte.

Im Flugzeug kann man die Stadt ohne weiteres erreichen und bedarf keiner besonderen Genehmigung von irgend einer Seite. Schwerer ist es, mit der Bahn dorthin zu kommen, denn sie läuft 170 oder mehr Kilometer durch russisch besetztes Gebiet. Für mich kamen diese Beschränkungen nicht in Frage, meine Reise war “sponsored by the Foreign Office”, und ich fuhr im Zuge der C.C.G. (Control Commission Germany). Von Hamburg ging es zunächst nach Hannover. Es ist ein grosser Umweg, aber der Zug geht vom Westen, nicht von Hamburg aus. Von Hannover ab fuhr ich im Schlafwagen. Es scheint, die Züge der C.C.G. fahren in der russischen Zone nur nachts. Ein Anschlag besagt, dass die Fenster geschlossen und die Vorhänge heruntergelassen sein müssen. Man sieht also nichts von Landschaft, noch nicht einmal von der nächtlichen Landschaft. Auf einer Station hielt der Zug lange, über eine Stunde. Es war Helmstedt, viel genannt in den Tagen der Blockade von Berlin. Dort hat der air lift begonnen. Am Morgen des 24.Oktober kam ich auf dem Bahnhof Zoologischer Garten an. Das erste, das ich hörte, als ich auf die Strasse trat, war ein Mann, der einen anderen fragte: “Hast du Alexen gesehen?” Da fühlte ich mich zuhause.

Berlin ist furchtbar, unbeschreiblich zerstört, mehr als irgend eine andere Stadt, die ich auf dieser Reise gesehen. Kein Stadtteil blieb verschont, jeder ist schwer heimgesucht. Der Reichs-


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tag ist ausgebrannt, die Mauern sind zum grossen Teil zerstört. Von der Synagoge Fasanenstrasse gilt das Gleiche. Beide Bauten sind von den Deutschen lange vor Ausbruch des Krieges in Brand gesteckt worden und stehen nun da als Denkmäler und Zeugen, dass sie selber, nicht der Feind, mit der Zerstörung begonnen haben. Wenn beide noch ständen wären vielleicht auch die anderen Verwüstungen Berlin, Deutschland und der Welt erspart geblieben. Hört man die Klagen der Deutschen über das, was ihnen widerfahren und was der Krieg ihnen angetan, dann geben einem diese beiden Bauwerke den richtigen Standpunkt.

Es fällt einem schwer, bestimmte Teile von Berlin als besonders zerstört herauszugreifen, weil die Zerstörungen überall furchtbar sind. Der Tiergarten ist eine wüste Fläche, teils mit Unkraut, teils noch mit Bäumen bewachsen und stellenweise in Schrebergärten umgewandelt. Die Siegesallee macht einen traurig-komischen Eindruck. Die einst herrliche Strasse Unter den Linden ist zum guten Teil zerstört und niedergelegt. Die Kreuzungsstelle Unter den Linden-Friedrichstrasse, einst ein Brennpunkt des Verkehrs, der in der Welt seinesgleichen suchte, sieht jetzt aus wie ein Feldweg ohne Feld. In beiden Strassen sind die Häuser hier bis zum Grunde niedergelegt und begegnet das Nichts von der einen dem Nichts von der anderen Seite. In der Wilhelmstrasse ist die Reichskanzlei verschwunden. Hier haben die letzten Kämpfe stattgefunden, die Russen haben nachher das ganze riesige Gebäude abgeräumt. Heute ist es eine Öde, verloren ragt in die Höhe nur noch ein Stumpf von dem grossen Bunker, in dem Hitler sich das Leben genommen hat. In der ganzen Stadt wird man an den Glanz erinnert, der hier einmal herrschte und nun verschwunden ist. Vor dem traurigen Rest eines Hauses erfährt man, dass hier Rudolf Mosse, vor dem noch grösseren eines Nachbarhauses, dass hier Aloys Petschek gewohnt hat. Dahinter ragt eine Ruine empor, und es wird einem gesagt, dass Keitel hier gelebt hat. Seine Nichte hat einen Juden geheiratet. Sie hat in der Hitlerzeit, wie mir erzählt wurde, darauf bestand, dass


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die Kinder jüdisch erzogen wurden, und ihr Mann ist jetzt der Parnos der jüdischen Gemeinde in Frankfurt a.M. Am Alexanderplatz habe ich mich nach dem Hause umgesehen, in dem meine Eltern jahrelang gewohnt haben, Alexanderstrasse 49. Es ist verschwunden, und mit ihm alle Häuser in der Nachbarschaft, der grosse Platz ist Leere und Wüste. Die Verheerungen sind in Berlin nicht nur umfangreicher, sondern auch gründlicher. In den anderen Städten, in denen ich gewesen, haben nur die feindlichen Bomben gewütet, in Berlin aber waren Nahkämpfe unter Einsatz von Tanks und Artillerie. Die Trümmer sind an vielen Stellen weggeräumt, an anderen stehen sie noch und gefährden den Verkehr. Immer noch müssen Ruinen gesprengt werden. Schutzleute sperren dann einen weiten Umkreis ab, Passanten müssen hinter der nächsten Ecke warten, dann knallt ein Sprengschuss, gefolgt von dem lauten Getöse des Zusammenbruchs, eine hohe Staubwolke steigt zum Himmel auf, und es erscheint eine Kolonne von Arbeitern, die den Schutt aufräumen.

Der Wiederaufbau ist in Berlin langsamer als anderswo. Aus den Erzählungen von Berlinern erfährt man Einzelheiten von der Blockade, die beinahe ein Jahr gedauert hat und während deren es lange am Notwendigsten fehlte. Erst an Ort und Stelle kann man ermessen, was der air lift, die Luftbrücke, wie er in Berlin genannt wird, bedeutet hat. Auf drei Flughäfen haben die Alliierten die Stadt durch Flugzeuge versorgt. Ich bin auf dem südlichsten gewesen, in Tempelhof, dem Flugplatz der Amerikaner. Er ist eine beinahe unübersehbare Anlage, Halle reiht sich an Halle. Hier ist während der Blockade alle drei Minuten ein Flugzeug angekommen. Es landete, der Pilot konnte in einer Baracke unmittelbar daneben sich ausruhen und essen, das Flugzeug wurde indessen abgeladen und neu in Stand gesetzt. In kürzester Zeit fuhr es wieder nach Westen, um neue Ladung nach Berlin zu bringen. Ebenso ging es auf dem britischen Flugplatz in Gatow bei Potsdam und auf dem nördlichen, ich glaube in Tegel, zu. Da lernt man verstehen, was “kalter Krieg” bedeutet und welch


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einen Sieg unter schweren Opfern hier Engländer und Amerikaner über die Russen davon getragen haben. Aber was immer auch erreicht worden ist, Berlin konnte trotzdem kaum mit dem Allernotwendigsten versehen werden. Diese Entbehrungen haben weiter gewirkt und sind mit daran schuld, dass sich der Wiederaufbau von Berlin so sehr langsam vollzieht.

Andere Umstände wirken nach der gleichen Richtung, die Teilung Deutschlands in Zonen, die Absperrung des Ostens vom Westen und damit Berlins von Westdeutschland, ohne das es nicht lebensfähig ist, und die Zerstückelung der Stadt selber in Sektoren. Sie zerfällt in vier. Die westlichen sind, von Süden nach Norden, der amerikanische, der britische und der französische. Sie grenzen alle im Osten an den russischen. Sie dürfen nicht mit den Zonen verwechselt werden und haben mit diesen nichts zu tun. Es ist schwer in die russische Zone hinein-, und vielleicht noch schwerer, wieder herauszukommen, aber in den russischen Sektor kann man ohne weiteres gehen, und ebenso selbstverständlich kommt man wieder zurück. Ganz anders steht es mit den Zonen. Ich war zu einer Tagung am 12.Oktober in Harzburg. Nicht weit davon im Osten beginnt die russische Zone. Der Chauffeur führte mich mit noch einigen anderen Teilnehmern durch die herrlichen Berg- und Waldstrassen, um uns einen Blick auf den Brocken zu geben. Er gehört bereits zur Sowjetzone. Die Grenze ist bezeichnet, die Bäume sind mit gelben Streifen markiert, und gelbe Streifen ziehen sich über die Strasse. Aber der Chauffeur kann die Zeichen übersehen und ahnungslos auf russisches Gebiet geraten, er ist deshalb nervös und kehrt lieber zehn Kilometer vor der Grenze um. Das kann einem in Berlin nicht geschehen. Die Grenzen der Sektoren sind klar bezeichnet: Vous entrez le secteur français - You are leaving the British, you are entering the American sector. Am Eingang zum russischen Sektor stehen entsprechende Inschriften in russischen Lettern. Diese Teilung hat weitreichende Folgen. Die Stadt ist gespalten in zwei Hälften, die nicht räumlich, wohl aber in anderer Beziehung weitreichend von einander getrennt sind. Nicht mehr ein Magistrat verwaltet


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Berlin, sondern zwei. Das Rathaus in der Königstrasse liegt im russischen Sektor. Hier schaltet ein Magistrat unter der Leitung von Fritz Ebert, dem Sohn des früheren Reichspräsidenten. Irgendwo im Westen ist der Magistrat von West Berlin unter dem Oberbürgermeister Professor Reuter. Nur wenige Institutionen sind noch dem ganzen Stadtgebiet gemeinsam. Zu ihnen gehört die Jüdische Gemeinde mit dem Sitz in der Oranienburgerstrasse, im russischen Sektor. Die Unterschiede zwischen den Sektoren sind gross. Im Westen sind die Läden mit allem reich versehen, im Osten sind sie kläglich beliefert. Im Westen wird in den Läden und auf der Strasse Obst in Hülle und Fülle angeboten, im russischen Sektor gibt es nichts davon. Zwar liegt in ihm Werder, die Obstkammer von Berlin, aber die Russen haben alles aufgekauft und verarbeiten es zu Marmelade, die nach Russland geht.

Verschiedene Wirtschaftssysteme erscheinen in beiden Zonen. Im russischen Sektor herrscht die Genossenschaft. Zahlreich sind die Konsumvereinsläden, zahlreich die der Handelsorganisation. Das ist eine staatliche Einrichtung, nationalisierter Handel. Ihre Läden sind besser versehen als die privaten, die Preise höher. Was die Teilung der einen Stadt in mehrere Sektoren mit verschiedener Wirtschaftsorganisation bedeutet wird einem im Kleinen bald klar. Ich machte eine Wanderung vom Bahnhof Zoo bis unter die Linden. Als ich genug hatte, verlangte ich auf dem Bahnhof Friedrichstrasse ein Billet nach dem Zoo und wollte dafür 20 Pfennig geben. Aber ich bekam keine Fahrkarte. “Nur Ostmark”, sagte der Beamte. Es gibt also zwei Währungen in Berlin, Ostmark in dem russischen, Westmark in dem britischen Sektor, Mit allem Geld, das ich bei mir hatte, konnte ich mir nichts kaufen. Ich wanderte zum Bahnhof Potsdamer Platz, aber dort wiederholte sich die gleiche Erfahrung, auch er liegt im russischen Sektor. Aber ein paar Schritte davon entfernt ist der Untergrundbahnhof Potsdamer Platz, im englischen Sektor, und hier bekam ich mein Billet. Beide Sektoren haben eine einigermassen stabile Währung, aber eine Westmark ist gleich 6 Ostmark und im Vergleich Edeldevise. Ein Kunde aus dem britischen Sektor kann im russischen


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billig kaufen, und tatsächlich kaufen dort auch Viele aus dem Westen ebenso ein, wie in den Zeiten der Inflation Ausländer in Deutschland. Sie kaufen im Westen Ostmark für ihre Westmark. In einem ausgedehnten Strassenhandel werden Sachen aller Art angeboten, amerikanische Zigaretten, englischer oder italienischer Kaffee, Dollars, Pfunde, auch Ost- und Westmark. Wer Ostmark kaufen will, wird für eine Westmark hier nicht 6 Ostmark bekommen, sondern vielleicht nur 5.50 und wer Ostmark anbietet, wird für eine Westmark nicht 6 Ostmark zahlen, sondern vielleicht 6.50. Auf solchen Kursdifferenzen beruht dieser Handel. Handgreiflich und an kleinen Beträgen tritt dem Besucher hier zuerst der “black market” entgegen, der ihm bald grössere Probleme stellt. Der Unterschied der Währung schafft auf vielen Gebieten die grössten Schwierigkeiten und führt zu einer radikalen Trennung des westlichen von dem östlichen Sektor. Keine geographische Grenze trennt sie, kein Posten wehrt den Übergang. Es sind ungreifbare Mächte, die den Übergang und die Verbindung unmöglich machen.

Einige Tage bevor ich nach Berlin kam hatte die Ostdeutsche Regierung ihre Wirksamkeit begonnen. Ich war in Niederschönhausen. Dort ist ein Schloss, in dem einmal ein Hohenzollernprinz residiert hat. Jetzt ist das grosse Gelände beschlagnahmt und durch einen massiven Holzzaun von der Welt abgeschlossen. Hinter dieser Schranke lebt der Präsident der Ostdeutschen Republik, Wilhelm Pieck, und noch einige andere von der Hierarchie des neuen Staates. Zu ihnen gehört Arnold Zweig. Seine Frau ist in der VII. Religionsschule der Jüdischen Gemeinde vor bald fünfzig Jahren meine Schülerin gewesen, auf ihre Einladung habe ich sie besucht, und auf diese Weise habe ich das Gelände hinter dem Bretterzaun für eine kurze Zeit sehen können. Zweig wohnt in der Schlossvilla, die ihm von der Regierung eingeräumt worden ist. Früher hat sie jemand anders gehört, der jetzt irgendwo flüchtig als DP. herumirren mag. Sie ist mit Möbeln, die dem Staat gehören, herrlich möbliert. “Sie gehören dem Staat” bedeutet, sie sind beschlagnahmt und dem Eigentümer geraubt worden. Kommunismus hat seine Mitläufer wie Nationalsozialismus und andere revolutio-


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näre Bewegungen auch. Aber Zweig ist stolz darauf, dass er einige Möbel für seinen persönlichen Gebrauch sich erschrieben hat. Er war früher ein Israel, in Haifa, aber ein deutscher Schriftsteller, ein Künstler der deutschen Sprache, kann dort nicht sein Auskommen finden. Für ihn und für andere seines Kreises ist Kommunismus Religion. Er redet vom dialektischen Materialismus wie ein Gesetzestreuer von Thorath Mosche. Er war gerade im Begriff als Vertreter der “Gesamtdeutschen Demokratischen Regierung für Einheit und Friede” nach Warschau zur Feier des zweihundertsten Geburtstags von Goethe zu fahren.

Die Regierung, die er vertrat, war gerade vierzehn Tage vorher gebildet worden. An vielen Mauern im russischen Sektor war das Glückwunschschreiben von Joseph Stalin an den Präsidenten Wilhelm Pieck angeschlagen und an den Littfassäulen die Regierungserklärung des Ministerpräsidenten Grotewohl. Er hat gesprochen wie alle Regierungsvertreter überall, in allen Ländern, unbekümmert um das System, das sie repräsentieren. “Das wichtigste Mittel, das Ziel zu erreichen, ist die Steigerung der Arbeitsintensität.” Der Sitz dieser Regierung ist das einstige Propagandaministerium in der Wilhelmstrasse, gegenüber der einstigen Reichskanzlei. Hier hat einst Göbbels sein Wesen getrieben. Die einstige Reichskanzlei ist im Süden von dem einstigen Luftfahrtministerium flankiert, der Schöpfung von Göring, die als steingewordener Grössenwahn bezeichnet worden ist und von der anderen Seite, von Norden her, schaut auf sie Göbbels einstiges Ministerium, das Ganze symbolisch ein Ausdruck der wahnsinnigen Überhebung und des vollkommenen Zusammenbruchs des nationalsozialistischen Staates.

Die Niederlage tritt einem auch sonst im russischen Sektor noch eindringlicher entgegen als in den drei anderen. Ein Symbol ist gleich am Eingang das Brandenburger Tor. Es steht noch, aber die Quadriga ist bös zusammengeschossen, von den vier Pferden ist nur noch eines zu sehen, drei Füsse sind von ihm weggeschossen, nur einer ragt noch in die Luft. Die Viktoria ist verschwunden, an ihrer Stelle ist eine grosse rote Fahne aufgepflanzt. Wie andere Denkmäler preussischer Grösse ist die Neue Wache ausge-


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brannt und öde. Über dem Portal zieht sich ein grosses Band mit der Inschrift: “Lasst Frieden werden!” Das Zeughaus mit der Ruhmeshalle ist ausgebrannt, halb zerstört. Die Trophäen, die hier einmal angesammelt waren, sind verschwunden. Ein Anschlag besagt, dass das Gebäude ein “Haus der Sowjetkultur” werden solle. Die russische Propaganda ist eindringlich und wirkungsvoll. Die Universität ist ebenfalls halb ausgebrannt und halb zerstört. Zu einem grossen Teil sind in den Räumen, die noch benutzbar sind, Konsumvereinsläden eingerichtet, in einigen Auditorien werden aber noch Vorlesungen gehalten. Die Universität heisst nicht mehr, wie vor fünfzig Jahren, als ich dort studierte, Königliche Universität, sondern Humboldt Universität. Irgendwo im Westen der Stadt ist eine Freie Universität erstanden, die den Anspruch erhebt, die wahre zu sein. Grosse Anschläge rufen deshalb die Studenten auf, die Einheit ihrer Universität gegen jene Spalteruniversität im Westen zu verteidigen, wie das ihre Vorfahren 1848 getan hätten. Im Gebäude selber tritt die Propaganda für das Stachanow-System stark hervor. Es ist eine neue Form der Organisation der Arbeit. In der englischen Presse wird es als eine Art Sklaverei in moderner Gestalt bezeichnet und es wird behauptet, die Sowjets hätten auf diese Weise wiederum Sklaverei in Europa erneuert. Die Anschläge in der Universität reden ganz anders. Da wird in Wort und Bild ausgeführt, wie der Bergarbeiter Stachanow eines Tages den record irgend eines Hauers überboten habe, dank der besonderen Art, in der er seine Arbeit angefasst habe, wie ihm dafür die Organisation der Arbeit anvertraut worden sei, und wie er dann, in einer Art, die noch nie erlebt worden sei, die Produktivität des Bergbaus in Russland und damit der Wirtschaft überhaupt gesteigert habe. Sein System befreie die arbeitende Menschheit von dem Übermass der Arbeit und gebe ihr endlich Freiheit. Arbeiter und Unternehmer mögen entscheiden wer Recht hat. Erstaunlich ist es unter allen Umständen, wie die gleiche Lenkung von den einen als der Weg zum Paradies, von den anderen als der zur Hölle gepriesen oder verdammt werden kann.


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Russisches Militär habe ich in Berlin kaum gesehen. Wie in den anderen Sektoren und in Westdeutschland ist auch im russischen Sektor die Besetzung “unsichtbar”. Russisch ist ihrem Aussehen und ihrer Uniform nach nur die Polizei, zu einem erheblichen Teil weibliche Polizei. Aber auch sie sehen nur so aus, in Wirklichkeit sind sie Deutsche.

Die Not ist in Berlin grösser als anderswo. Steht man auf der Strasse still, dann wird man von gut gekleideten älteren und Jüngeren Männern angesprochen, ob man vielleicht einen Führer wolle. Ich habe Bitt- und Bettelbriefe von mir unbekannten Personen bekommen, es ist mir gesagt worden, diese würden in grossen Massen versendet, in der Zuversicht, dass auf den einen oder anderen eine Spende folgen werde.

Die Niederlage zeigt sich auch in den Strassennamen. Die frühere Kronprinzenallee in Grunewald heisst Jetzt Clay Allee, zu Ehren des amerikanischen Generals Clay, dem sich das westliche Berlin zu Dank verpflichtet fühlt; im russischen Sektor heisst eine der schönsten Strassen jetzt Thälmannstrasse, und eine andere im Tiergarten, Reichpietsch-Ufer, zur Erinnerung an den Matrosen Ernst Reichpietsch, einem der Führer in der Revolution der deutschen Marine im Jahre 1917, der damals erschossen worden ist. Wie werden diese Strassen wohl in fünfzig, in hundert Jahren heissen?

II

In Berlin leben heute 7 500 Juden. Das ist wenig, verglichen mit den 173 000 von 1925. Aber auch heute ist Berlin weitaus die grösste jüdische Gemeinde in Deutschland. Damit ist schon eine wichtige Tatsache ausgesprochen. In Berlin braucht der einzelne Jude nicht in der unvergleichlichen Einsamkeit zu leben, zu der er anderswo verurteilt ist. Wenn auch die 7 500 Juden sich über das weite Stadtgebiet verteilen, kann der einzelne doch den einen oder anderen finden, mit dem er sich gut versteht. Ich war bei Dr. Rosenberg, dem Chefarzt des Jüdischen Krankenhauses eingeladen. Es waren auch noch andere Gäste da.


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Der Abend war so schön und die Unterhaltung so fesselnd, wie sie nur irgendwo hätte sein können. Insofern ist in Berlin das Leben für einen deutschen Juden leichter und minder öde als anderswo. Ich bin im Gemeindevorstand empfangen worden und habe dort viel erfahren. Die Herren sind dort der Überzeugung, dass die Jüdische Gemeinde Berlin eine gewisse Stabilität zeige und sich wohl für absehbare Zeit auf der jetzigen Höhe, oder jedenfalls einer beträchtlichen Höhe, halten werde. Die Abwanderung sei im Wesentlichen abgeschlossen, die die jetzt da seien, seien überwiegend Menschen, die eine besondere Beziehung zu Berlin hätten, zum grossen Teil geborene Berliner. Sie würden bleiben, wenn nicht besondere Umstände sie zur Abwanderung zwingen würden. Es sind vor allem die Älteren, die hier, wie auch anderswo, einen erklären, dass sie lieber hier blieben, wo sie ihre Stellung oder Pension haben, als im Ausland als Bettler zu leben. Sie empfinden gewiss die Gefahr, die mit dem Verbleiben in Deutschland, und in Berlin im Besonderen, verbunden ist, aber sie sind fatalistisch und sagen mit Recht, dass es überall gefährlich ist und dass es nirgends einen Schutz dagegen gibt. Freilich zeigt der Anblick des Vorstandskollegiums selber wie gross der Drang nach Auswanderung ist. Es ist heute anders zusammengesetzt als vor vier Jahren, unmittelbar nach Kriegsende. Der damalige Vorsitzende, Kammergerichtsrat Dr. Fabian, ist mit seiner Familie nach USA ausgewandert, wahrscheinlich seiner Kinder wegen. Denn darüber herrscht Einmütigkeit, dass die Kinder nicht in Deutschland bleiben dürfen, sondern auf die Auswanderung, nach Israel oder anderswohin, vorbereitet werden müssen. Niemand denkt an eine Zukunft über zwei Generationen hinaus, aber an eine Zukunft innerhalb dieser Schranken glauben sie.

Es scheint, dass in Berlin verhältnismässig mehr Juden beschäftigt sind als anderswo. Ein Verzeichnis der Gemeindemitglieder nach Berufen geordnet ist mir auf dem Gemeindebüro vorgelesen worden, allerdings mit einer solchen Schnelligkeit, dass ich nicht alles erfassen konnte. Es umfasst über 1100 Namen von Menschen in Berufen. Wenn ich mich recht erinnere, gibt es in Berlin nur


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noch vier jüdische Vertreter. Auffallend gering ist, wie überall, die Zahl der Ärzte, weil sie fast überall ihren Beruf ausüben können und weniger Anlass haben zurückzukehren als andere Berufsstände. Dagegen ist hier, wie überall, die Zahl der Juristen verhältnismässig gross. Es gibt in Berlin 51 “juristische Personen”, wie sie in dem Verzeichnis genannt werden. Eingeleitet wird die Liste mit: Kammergerichtspräsident 1, Senatspräsident 1. Tatsächlich gibt es jetzt zwei Kammergerichte, eines für den westlichen und eines für den russischen Sektor. Der Präsident des Gerichts für den Osten, Dr. Freund, ist ein lebhaft tätiges Mitglied der Gemeinde. Es gibt 27 Anwälte. Während anderswo die Zahl der jüdischen Läden gering ist oder solche nicht existieren, hat der Gemeindevorstand in Berlin einer Anzahl von Mitgliedern Läden eingerichtet und sie können davon leben, obgleich Gesetzgebung und Verwaltung den Einzelhandel durch sozialisierte Geschäfte oder durch Läden der Konsumvereine oder der Handelsorganisation zu ersetzen suchen und den Ladenbesitzern durch unzulängliche Belieferung wie auch auf andere Weise das Leben schwer machen.

Die Juden in allen Sektoren bilden, wie schon erwähnt, eine einzige Gemeinde, und diese ist stolz darauf. Die Besatzungsmächte haben fast überall ihr besonderes System der Verwaltung eingeführt. So haben die Engländer im britischen Sektor das Amt des Oberbürgermeisters durch das britische des Mayor ersetzt. Die Stadt wird hier durch einen Bürger repräsentiert, der für ein Jahr erwählt wird und den Titel eines Oberbürgermeisters führt. Das Haupt der Verwaltung aber ist ein Beamter, gewählt auf zwölf Jahre, der mit dem Titel des Oberstadtdirektors die Geschäfte führt. Die Russen haben auf dem Gebiet der kirchlichen Verwaltung etwas Ähnliches eingeführt. Einen Kirchenrat, eine zentrale Behörde bei dem Magistrat in der Königstrasse, in der sämtliche Konfessionen, aber auch die konfessionsähnlichen Gebilde, wie die Vereinigung der Spiritisten, der Ahthroposophen, vertreten sind. Der Vertreter der Jüdischen Gemeinde, Sigmund Weltlinger, ist von seinem Amt sehr


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erbaut und tut sich etwas darauf zu Gute, dass die Sitzungen dieses Gremiums die einzige Gelegenheit sind, bei der die Bürgermeister der beiden Magistrate, die heute Berlin verwalten, sich treffen und einander die Hand geben. Aber ob dieser Zustand bleiben wird, ist zweifelhaft und ein Gegenstand der Sorge. Kommunisten sind innerhalb der Gemeinde am Werk und verlangen statt der einen Einheitsgemeinde eine Teilung in zwei Gemeinden, eine für den russischen und eine andere für die westlichen Sektoren. Im russischen Sektor ist der Sitz der Verwaltung, in den westlichen Sektoren wohnt die Mehrheit der Mitglieder.

Von den Synagogen ist eine, die in der Pestalozzistrasse, nicht beschädigt worden. Andere waren beschädigt, sind aber wieder in Stand gesetzt worden, aber die Mehrzahl der Synagogen wurde zerstört. Für kleiner Gruppen sind Betsäle neu eingerichtet worden, einer in der Joachimsthaler Strasse, einem der Verwaltungsgebäude der Gemeinde. Die Synagogen sind zu gross für das Häuflein der Beter, das dafür in Betracht kommt. In der Synagoge Rykestrasse wird Gottesdienst gehalten an Rosch Haschanah und Jom Kippur, und dann ist sie einigermassen gefüllt. Ferner an Pesach, Schowuoth und Sukkoth, da ist sie leer. Der tägliche und der Sabbathgottesdienst finden in einem Betsaal statt, der wohl achtzig Sitzplätze fassen mag. Ich habe dort einen Vortrag gehalten, der Raum war ganz gut gefüllt. Einen anderen Vortrag habe ich in der Synagoge Pestalozzistrasse gehalten. Das Auditorium mag so gross gewesen sein wie in der Rykestrasse, aber in dem sehr grossen Raum hat es sich verloren, ein trübseliger Anblick und ein schmerzhafter Ausdruck der Tatsache, dass für die Juden in Berlin das Kleid zu weit geworden ist. Das Gleiche gilt für andere Gemeinden. In Hamburg wird der Gottesdienst in der kleinen, schönen Synagoge des Oppenheimerschen Altersheim gehalten. Er war immer gut besucht. Den grossen Tempel hat die Gemeinde noch, aber sie kann ihn nicht mehr füllen und hat ihn an den Nordwestdeutschen Rundfunk vermietet. Ich habe in dem grossen Vortragssaal dort einen Vortrag über den Stand von Israel gehalten, er


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war voll von Musikerpulten und Instrumenten. Auch hier ist das Kleid für den zusammengeschrumpften Körper zu weit geworden. In der Pestalozzistrasse habe ich zum ersten Mal in Deutschland wieder einen richtigen Chasan gehört. Er heisst Nechama, ist ein sefardischer Jude aus Saloniki, war lange in einem Konzentrationslager, ist dann nach Berlin gekommen und hat nur den einen Wunsch, nach USA auszuwandern, weil das Gehalt in Berlin zu niedrig sei. Er hat herrlich vorgebetet, aber sein Leinen liess viel zu wünschen übrig. In Berlin wie auch in Hamburg habe ich ein paar Kinder im Gottesdienst gesehen, zwei, drei. Ihnen wird eine besondere Freude bereitet, sie gehen beim Kiddusch zum Vorbeter hinauf und dürfen den Kidduschbecher austrinken. Ein paar Lehrer sind da und geben Unterricht, im Ganzen sehr wenig, aber wenigstens bekommen die Kinder eine Idee von Hebräisch und Judentum. Ein Prediger, Riesenburger, ist von der Gemeinde angestellt. Er vollzieht Trauungen und fungiert bei Beerdigungen. Eine amerikanische Organisation hat vor etwa einem Jahr den jungen Steven Schwarzschild als liberalen Rabbiner nach Berlin berufen. Hier hat er geheiratet, seine Frau leitet das Berliner Büro der Jewish Relief Unit, offenbar eine hervorragende Sozialarbeiterin. Schwarzschild gehört zur britischen oder amerikanischen Verwaltung und wohnt im britischen Sektor, in einem Haus, das die Militärregierung beschlagnahmt hat und zur Unterbringung britischer Offiziere und Beamter verwendet. Die Möbel stellt die Besatzungsbehörde. Er isst mit seiner Frau auswärts, nicht koscher. Offenbar ist er ein guter Rabbiner, aber er hat seine grossen Schwierigkeiten. Nicht lange bevor ich kam, hatte er in einer Predigt gegen den black market gesprochen. Daraufhin hat ihm eine Gruppe, welche weiss ich nicht, gedroht, das nächste Mal würden sie ihn von der Kanzel herunterholen. Nach dem, was mir gesagt worden ist, hat er sich davon einschüchtern lassen und das nächste Mal nicht gepredigt. Näheres darüber konnte ich nicht erfahren. Ihn selber habe ich nur ein einziges Mal gesprochen. Bei dieser Gelegenheit war auch Hans Joachim Schöps bei ihm, nun Professor der Philosophie oder Theologie, ich weiss es nicht genau, in Erlangen.


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Schöps ist Jude und will nichts anderes sein. Es ist schade, dass meine Zeit in Berlin so ausgefüllt und der ganze Aufenthalt nur so kurz war. Ich habe dadurch vielem nicht nachgehen können, das mir wichtig war. Schwarzschild will im Frühjahr wieder nach USA zurück. Die Rabbiner, die bisher in Westdeutschland gewirkt haben, Helfgott und Broch, sind alle nur kurze Zeit geblieben. Nun hat der Gemeindevorstand Moritz Freier, einst Rabbiner der Jüdischen Gemeinde, als konservativen oder orthodoxen Rabbiner wiederum nach Berlin berufen. Er wird es nicht leicht haben. Ein allgemeines jüdisches Wissen besteht noch bei der älteren Generation; als ich meinen Vortrag im Betsaal der Rykestrasse gehalten hatte, Geschichten aus dem Talmud, bekam ich nicht nur Beifall wie sonst auch, sondern einer aus der Zuhörerschaft ist vorgetreten und hat Rabbanan Kaddisch gesagt. Aber weite Gebiete jüdischen Lebens sind nahezu verschwunden. Dies gilt im besonderen von Kaschruth. In ganz Berlin existiert ein einziges jüdisches Restaurant, in Schlachtensee. Das Essen ist gut, aber teuer. Ein Menu kostet einschliesslich einer Flasche Bier 12 DM. Ich habe mich dort erkundigt, wo denn die Gäste am Schabbos essen, das Restaurant liegt so weit am Rande der Stadt, dass einer nur im Auto dorthin kommen kann. Es wurde mir erklärt, dass Gäste am Freitag im Hause übernachten und dass denen, die das nicht können, am Freitag nachmittag Esspakete mitgegeben werden. Im allgemeinen hat das Kaschruth aufgehört. Das Krankenhaus der Gemeinde, von dem ich noch sprechen werde, wird nicht mehr koscher geführt. Nur ein kleiner Teil der Patienten sind noch Juden. In Berlin, wie auch anderswo, fehlt es an Rabbinern, die das Judentum nach innen wie nach aussen vertreten können, auf die vielen Fragen von Juden zu antworten verstehen und bei den Religionsdisputationen, die jetzt aufkommen, den christlichen Theologen gewachsen sind. Welche Probleme heute jüdische Männer beschäftigen habe ich in einer Unterhaltung mit Sigmund Weltlinger gesehen. Er war lange im KZ und hat sich dort in die Bibel versenkt. Er kennt sie nun gründlich. Er stiess sich vor allem an einem biblischen Wort, das ihn ausser Fassung bringt. Von den


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Söhnen Eli's heisst es I.Sam.2.25: “Sie hörten nicht auf die Stimme ihres Vaters, denn es wollte der Ewige sie töten.” Der Anstoss, den diese Stelle gibt, regte ihn auf und er wusste sich keine Antwort.

Die Gemeinde hat aber nicht nur ihre Synagogen, sondern auch ihre Anstalten. Die grösste ist das Jüdische Krankenhaus in der Dtanischen Strasse. Sein Direktor ist Dr. Rosenberg. Er hat seine Frau, die Tochter von Eugen Fuchs, im KZ verloren und dort sich wieder verheiratet mit einer Krankenschwester. Sein Sohn, ein angehender Arzt, arbeitet neben und unter ihm. Er führte mich durch das Krankenhaus. Nach allem, was er sagt, ist es auch heute ausgezeichnet eingerichtet und können die mannigfaltigen modernen Behandlungsmethoden dort durchgeführt werden. Ich sah die neueingerichteten Zimmer der Kinderabteilung, die gerade an diesem Tag in Benutzung genommen worden waren, reizend ausgemalt mit Gestalten aus der Welt des deutschen Märchens. Alles machte einen freundlichen Eindruck. Aber im Krankenhaus wiederholte sich der Eindruck, den die Synagogen erwecken. Auch das Krankenhaus ist zu gross für die so klein gewordene jüdische Bevölkerung. Wie schon erwähnt, ist nur ein kleiner Teil der Patienten Juden, und das ist eine der Ursachen, warum es nicht koscher geführt wird. Eine Sorge ist auch die Gewinnung von Ärzten. Wie schon erwähnt ist die Zahl der jüdischen Ärzte in Deutschland und in Berlin im Besonderen, gering. Sie finden in vielen Ländern ihr Brot und kehren deshalb weniger zurück als etwa Juristen. Man denkt im Ernst daran, jüdische Ärzte aus dem Ausland mit kurzfristigen Verträgen anzustellen. Mit dem Krankenhaus ist ein Altersheim und ein Kinderheim verbunden. Ich hatte keine Zeit sie zu sehen, wohl aber konnte ich das Alters- und Kinderheim in Niederschönhausen, im russischen Sektor, besuchen. Im Kinderheim sind, ich glaube, 18 Kinder, die meisten aus Mischehen. Die Erziehung ist hier anders als im englischen Sektor. Von früher Jugend an lernen die Kinder Schach. Der Leiter, Herr Baruch, sagte mir, es seien gute Spieler darunter. Er gibt den hebräischen Unterricht. An den Wänden sind hebräische Lieder aufge-


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zeichnet, in lateinischen, nicht in hebräischen Lettern. Auf dem Tisch lag ein Lehrbuch der hebräischen Sprache, den Bildern nach zu schliessen alles für kleine Kinder. Ein paar Tage zuvor hatte nach meinem Vortrag in der Rykestrasse eine Frau mir ihre Not geklagt. Ihr Mann, im russischen Sektor wohnhaft, war im April von den Russen aus ihrer Wohnung geholt worden und ist seitdem verschollen. Erkundigungen bei den Behörden hatten keinen Erfolg gehabt. Die höchste Instanz, der General, dessen Namen ich vergessen habe, erklärt, er wisse von nichts. Da zeigte sich unmittelbar, dass wirklich im russischen Sektor Menschen verschwinden - spurlos verschwinden. Im Kinderheim erfuhr ich das Gleiche wieder. Im Zimmer eines Mädchens von zwölf Jahren standen auf dem Nachttisch zwei Photographien, die eine von ihrer verstorbenen Mutter, die andere von ihrem Vater und ihr selber. Aber der Vater ist vor einigen Wochen aus der Wohnung geholt worden, er war Beamter bei einer Behörde im russischen Sektor und ist seither verschwunden. Niemand weiss etwas darüber und unter diesen Umständen ist das kleine Mädchen in das Kinderheim gekommen. Unter demselben Dach oder gleich daneben ist eines der beiden Altersheime. Die Zimmer sind freundlich und behaglich eingerichtet. Ich fragte eine Frau, ob sie sich wohl fühle. Sie sagte, ja. Aber jemand, der es wissen muss, der Leiter oder sonst jemand sagte mir, das sei nicht möglich. Niemand hat ein Zimmer für sich allein und Menschen, die auf engem Raum miteinander leben, gehen sich bald auf die Nerven. Auch befinden sich die Insassen in verschiedener Situation, der eine ist mehr, der andere minder arm, der eine bekommt Pakete, der andere nicht. Da wird der eine neidisch auf den anderen und dagegen gibt es keine Hilfe. Der schlimme Zustand wird noch nicht einmal besser, wenn der Glücklichere von seinem Überfluss dem anderen etwas abgibt.

Eine schöne Viertelstunde habe ich doch in dem Altersheim erlebt. Dort lebt der älteste jüdische Mann in Berlin, Herr Falkenstein, früher Glaser in Schlochau. Er ist volle 99 Jahre alt. Er sass da, den Kopf mit einem Käppchen bedeckt und wenn er es abnahm, sah man das schönste, weiss Haar, voll und dicht. Neben


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ihm lagen seine Tephillin, er ist ein frommer Mann. Er legt sie jeden Tag und nimmt sein Frühstück erst, wenn er damit fertig ist. Jetzt braucht er viel Zeit dazu, bis zehn oder halb elf. Mein Begleiter sagte ihm, in seinem Alter brauche er es nicht so genau zu nehmen und rief mich als Gewährsmann dafür an. Aber der alte Mann lehnte ab. Er sei jetzt beinahe hundert Jahre alt und er wolle seine Lebensgewohnheiten nicht mehr ändern. Auch er hat seine Freuden. Jeden Nachmittag um drei Uhr dreht er das Radio an und dann hört er die Stimme seines Enkels, der dort Ansager ist. Radio ist in jedem Zimmer. Wie in anderen Altersheimen sind auch hier Insassen, die keine Juden sind, die nichtjüdischen Partner von Mischehen.

Zweimal habe ich den Friedhof in Weissensee, im russischen Sektor, besucht. Er ist tadellos in Ordnung, die Kämpfe, die über Berlin dahingegangen sind, haben seinen Frieden nicht gestört. Auf dem Büro habe ich nach einem Grab gefragt, das ich besuchen wollte. Mit Hilfe der Kartei war es im Augenblick gefunden. Die Gräber der Eltern sind in der Ehrenreihe, rechts und links von ihnen, ruhen noch viele, die ich gut gekannt habe und die mir nahe standen. So waren die Besuche auf dem Friedhof ein grosses Wiedersehen im Geiste.

Am 30.Oktober, zwei Tage vor meiner Rückreise, habe ich an einer Versammlung jüdischer Anwälte und anderer Juristen teilgenommen. Sie war vom Gemeindevorstand einberufen. Die Gemeinde erhebt Anspruch auf die Restitution von viel Grundbesitz, den sie in der Hitlerzeit durch Beschlagnahme oder auf andere Weise verloren hat. Aber auch davon abgesehen schweben in Berlin mehr Ansprüche auf Restitution als irgendwo anders. Auch um sie nimmt die Gemeinde sich an. Zu ihrer Verfolgung und Bearbeitung hatte sie gerade eine Wiedergutmachungskommission ins Leben gerufen. Sie wird von einem Herrn Löwenthal geleitet, der auch auf der Tagung gesprochen hat. Mit dieser Wirksamkeit der Gemeinde sind aber die jüdischen Juristen nicht zufrieden. Sie erheben Anspruch auf die Bearbeitung dieser Forderungen und fühlen sich beeinträchtigt durch die Aktion der Gemeinde und auch anderer


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Interessenten, insbesondere der grossen jüdischen Organisationen im Ausland. Diese haben eigene Stellen begründet; eine IRSO, Jewish Restitution Successor Organization, eine Wiedergutmachungsbank, beide mit dem Sitz in Frankfurt am Main, wirken in der gleichen Richtung. Viele bemühen sich darum, bei dieser Restitution mitzuarbeiten und etwas dabei zu verdienen. Die Anwälte sind über den Aufsatz eines Kollegen Dr. Strauss besonders erbittert, der in einer New Yorker Zeitung ausgeführt hat, die Restitution müsse in Deutschland durch ausländische Anwälte, amerikanische oder englische betrieben werden. Die Moral der deutschen Anwaltschaft sei gesunken, der frühere Brauch, dass der Mandant von jeder Wendung in seiner Rechtssache durch Durchschlag informiert werde, sei heute ausser Übung, angeblich wegen Papiermangels. Aber die Anwälte seien auch eingeschüchtert, die deutschen so gut wie die jüdischen, kurz man solle keinem Anwalt in Deutschland, auch keinem Jüdischen, seine Vertretung übertragen. Die Diskussion brachte manche wichtige Aufklärung. Grundlegende Fragen sind zweifelhaft. Es herrscht Streit darüber, ob Juden als Richter in diesen Prozessen tätig sein sollen. In Berlin wird die Restitution von gegen 5000 Grundstücken gefordert, es sollen dabei gegen 30 bis 40 000 Anspruchsberechtigte beteiligt sein. Eine Anzahl von Antragstellern sind getaufte Juden. Die Gemeinde vertritt auch ihre Ansprüche. Anwälte klagten über die Schwierigkeiten der Rechtsverfolgung. Verwalter von Grundstücken geben auf Anfragen keine Auskunft. Die Kosten sind hoch, und viele Berechtigte können nicht zahlen. Ein Anwalt hat die Mandate, die ihm übertragen worden sind, als ein Sammelsurium von Armenmandaten bezeichnet. Ein anderer hat dagegen geltend gemacht, es handle sich nicht ausschliesslich um Zivilrecht. “Der Staat hat uns ausgeraubt und der Staat muss es wieder gutmachen.” Aber das hat seine Schwierigkeiten. Wer soll wiedergutmachen? Ein Anwalt erwähnte die Gebühren für einen Erbschein. Ein anderer nannte es unsittlich, dass der Staat dafür eine Gebühr fordere, wenn der Erblasser von ihm ermordet worden sei. Die Versammlung hat mir einen tiefen Einblick in die Verhältnisse


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des russischen wie der westlichen Sektoren gegeben. Die Untergründe sind sichtbar geworden.

Am Schabbos, den 29.Oktober, fungierte ich im Gottesdienst in der Synagoge Pestalozzistrasse. Am Vorabend sprach ich kurz über Neschamah Jetherah, die andere Seele, die sonst schlummert und am Schabbos wach wird. Die Sidrah war Noach, und so führte ich in der Predigt die Idee des Talmud aus, dass Noah drei Welten gesehen habe, eine Welt in ihrer Blüte, eine Welt in ihrem Untergang und eine neu geborene Welt. Unsere Generation versteht noch besser als unsere Vorfahren die Wahrheit, die dieses Wort verkündet. Am Freitag abend war ich zu Tisch bei Dr. Rosenberg und seiner Frau. Nachher kamen noch andere Gäste, darunter Sigmund Weltlinger mit seiner Frau. Wir hatten eine ungewöhnlich gute Unterhaltung.

Am Montag verbrachte ich einige Zeit im Büro der JRU, Jewish Relief Unit. Ein Mann, Elektro-Ingenieur, war in Verzweiflung. Er wollte mit seiner Familie nach Australien auswandern, aber die Einreise war ihm verweigert worden, weil er in Ostdeutschland wohnte. Niemand wusste im Augenblick Rat. Das sind die besonderen Sorgen der Menschen in der Ostzone. Tags darauf, Dienstag, fuhr ich zurück. Wie auf der Hinreise war auch jetzt Herr Bruchheimer mein Gefährte, die angenehmste Gesellschaft. Es war leider das letzte Mal, dass ich ihn sehen sollte. Nicht lange nach unserer Rückkehr ist er von einem Auto überfahren worden und war auf der Stelle tot. Zwischen 7 und 8 Uhr kamen wir in Vlissingen an, um 8 Uhr gingen wir an Bord. Die See war still, die Nacht ungewöhnlich schön. Nachher aber kam Nebel und die Fahrt verzögerte sich. Morgens kamen wir in Harwich an. Im Hafen lag ein grosses Geschwader der britischen Flotte: Zerstörer, Kreuzer, Schlachtschiffe, ein gewaltiger Anblick. Die Zollkontrolle war scharf und es dauerte lange, bis sich der Zug in Bewegung setzen konnte. Aber nach einigen Stunden waren wir in Liverpool Street Station. Herbert erwartete mich. Es gab zunächst einen kleinen Schreck, die Zollbeamten hatten in Harwich mein Gepäck so gut verstaut, dass es in London nicht gleich gefunden werden konnte.


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Aber auch diese Aufregung ging vorüber und bald fand ich mich wieder in 18C, Belsize Park dankbar für eine ungewöhnliche Reise, die mich sechs Wochen lang in meinen Beruf zurückgeführt und mich wieder in Verbindung mit allem gebracht hat, was in Westdeutschland und in Berlin noch von meiner alten Welt übrig geblieben, und mit vielem was wieder neu erstanden ist.

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