Meine Erlebnisse in der Hitlerzeit
Am 6. Mai 1893 wurde ich als zweites Kind des Kaufmanns Max Friedlaender und seiner Ehefrau Jenny, geb. Elias in Osterode /Ostpr. geboren. Meine Eltern waren beide Volljuden. Ich hatte noch eine ältere Schwester Betty und einen jüngeren Bruder Hugo. Soweit mir aus Ueberlieferungen und Urkunden bekannt ist, lebte die Familie Friedlaender seit dem Jahre 1725 in Friedland /Ostpr., was aus einem Einbürgerungsbrief desselben Jahres hervorgeht. Meine Vorfahren waren aus Schweden über die Ostprovinzen nach Friedland gezogen und haben sich dort als Hutmacher niedergelassen. - - - - Meine Eltern zogen nach Braunsberg /Ostpr., wo ich das Gymnasium bis Untertertia besuchte. Dann übersiedelten wir nach Königsberg, wo ich die Mittelschule absolvierte. Ich erlernte den Kaufmannsberuf in Braunsberg /Ostpr. 1913 wurde ich eingezogen und kam zu den schwarzen Husaren nach Langfuhr. Da ich keine Lust hatte 3 Jahre zu dienen, meldete ich mich freiwillig bei der neu aufgestellten Maschinengewehrkompanie in Königsberg. Aber es war leider eine Fehlspekulation, denn statt der erhofften “nur zwei Jahre” wurden daraus die Kriegsjahre 1914–19, aus denen ich 1919 im Mai als Feldwebel entlassen wurde.
Im Jahre 1922 landete ich in Berlin, wo ich eine elektrische Lampenfabrik aufmachte. Schon in dieser Zeit bekam ich den Antisemitismus zu spüren, es gab bereits die ersten Progrome in der Grenadierstr. wo meistens polnische Juden wohnten. In dieser Zeit waren wir jungen Juden, die wir im Reichsbund jüdischer Frontsoldaten waren, mit SPD-Leuten dort als Aufpasser tätig und konnten dadurch manche Gewalttat verhindern. Nach dem Abklingen des Progromes kamen wir Jungen vom R.J.F. überein, uns bei dem Polizeimeister im Jiu Jitsu Erich Rahn in einem Kursus ausbilden zu lassen. Ich bin weiter bei diesem Sport geblieben
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und wurde sogar 1928 Berliner und 1929 Brandenburgischer Meister im Mittelgewicht. In dieser Zeit passierte mir eine nette kleine Begebenheit:
In der Potsdamerstr. gegenüber dem damaligen Weinhaus Huth war der Bürgersteig aufgerissen. Eine einfache Bohle, ca. 5 mtr. lang, war als Verbindung über die Aufrissstelle gelegt. Unten arbeiteten zwei Arbeiter. Ich befand mich gerade in der Mitte des Laufsteges, als von der andern Seite ein Mann auf den Steg trat, - ca. 25 Jahre alt und einen Kopf grösser als ich, - und mir zurief: “Jude mach Platz, geh zurück, ich will rüber!” Da ich auf dem Brett stehen blieb, kam er mir entgegen und ich sah, dass er eine Faust machte, um mich zu boxen. Jch trat ihm schnell entgegen und machte einen Jiu-Jitsu-Griff, wodurch er über den Graben in den Rinnstein flog. Die Arbeiter lachten und sagten: “Siehste, da biste aber an den Falschen geraten!” Er stand sehr schnell auf und lief unter dem Gelächter der Umstehenden davon. - - -
1928 trat ich bei der Firma Lindemann in Potsdam als 1. Verkäufer ein und wurde bald Substitut und Einkäufer. Die Firma Lindemann ging dann später in dem Karstadt- und EPA-Konzern auf. Am 1.1.1932 wurde ich von dem Gesellschafter des Konzerns, Herrn Ploschitzki, als Geschäftsführer in sein eigenes Haus - Fa. Krell & Co. Annaberg i. Erzgeb. - geschickt. Ich heiratete im selben Jahr eine Christin, die zum Judentum übertrat. In Annaberg war der Antisemitismus schon sehr spürbar und wir konnten oft das Lied der SA hören; “wenn Judenblut vom Messer spritzt.” Am 1.7.1932 wurde ich nach Plauen in die “EPA” versetzt, da Herr Ploschitzki plötzlich starb und seine Frau das Geschäft auflöste. Auch in Plauen war die Stimmung schon sehr radikal. Oft waren wir Zeugen von Ausschreitungen, bei denen Nazis und Kommunisten zusammen gegen die SPD vorgingen. Anfang 1933 wurde ich in die neu eröffnete “EPA-Filiale” nach Königsberg /Ostpr. versetzt und fuhr gerade am
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Tage des Reichstagbrandes durch Berlin.
In Königsberg war es zu dieser Zeit schon sehr schlimm für uns und ich war nur glücklich, mit meinen Eltern und meinem Bruder zusammen zu sein. In den ersten Tagen meines Dortseins fragte mich mein Bruder um Rat: Er hatte im Januar von seinem zukünftigen Schwager eine Seemannskiste zur Aufbewahrung bekommen, angeblich nur für ein paar Tage. Trotz Mahnung liess er die Kiste nicht abholen. Ich machte meinen Bruder darauf aufmerksam, dass sein Schwager doch Mitglied der KPD war, und er dadurch mit in Schwierigkeiten kommen könne. Er verbrannte dann auch die Kiste mit Inhalt. Der Monat Mai brachte mir einen schweren Schlag; Mein Vater starb! Er hatte 14 Tage im Krankenhaus gelegen und am Abend vor seiner Entlassung bekam er eine Spritze und um Mitternacht schlief er ein. Die ganze Angelegenheit kam mir damals schon sehr zweifelhaft vor, aber man konnte nichts unternehmen.
In diese Zeit fielen auch die Entlassungen jüdischer Angestellter. Die einfachen jüdischen Angestellten wurden alle entlassen. Bei den 52 Filialen der “EPA” waren 160 jüdische Herren in höheren Positionen, die den ersten Weltkrieg mitgemacht hatten und aus diesem Grunde bleiben sollten. Bald war jedoch auch diese Zahl zu hoch und es wurde nur noch 5 % bewilligt. Das waren 7 Herren, worunter ich mich auch befand. Es wäre vielleicht besser gewesen, wenn ich gleich entlassen worden wäre, denn nun kam eine sehr schwere Zeit. Bei der “EPA” war ich grossen Schikanen ausgesetzt. Sobald ein höherer Nazi-Besuch nach Königsberg kam wurde die Fahne gehisst und ich dürfte mich nicht im Verkaufsraum sehen lassen und musste im Keller arbeiten. Die meisten Drangsalierungen hatte ich durch den Betriebsobmann, einen Dekorateur, auszuhalten. Oft genug schimpfte er mich vor den Verkäuferinnen als Jude aus und spuckte mir ins Gesicht. Er provozierte mich wo er konnte, damit ich mich vergessen sollte, denn er hatte zu andern geäussert, das
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er mich abholen lassen wollte. Er brauchte dazu einen Grund, da ich bei der Geschäftsleitung in Königsberg und in der Zentrale Berlin wegen meiner Leistungen einen guten Ruf hatte. Es verging kaum ein Tag, an dem es keine Krawalle und Schlägereien in der oberen Etage bei EPA gab. Besonders hatte man es auf mich abgesehen, aber ich konnte mich, - bis auf Kleine Zwischenfälle, - den Anschlägen entziehen. Um der Sache abzuhelfen wurde durch die Vermittlung dieses Betriebsobmannes ein SA-Mann (mit 3 Sternen auf dem Kragen) !! als Aufsicht angestellt. Als ich das hörte, fiel mir endgültig das Herz in die Hosen, denn es konnte nur mein Ende bedeuten. Er kam , - zwar in Zivil, - aber mit grossem Partei-Abzeichen. Wer beschreibt aber mein Erstaunen, als er sich als alter, mir sehr gewogener Schulkamerad entpuppte! Das war wirklich Gottes Fügung und noch sehr sehr oft fühlte ich die Hand Gottes, die mich vor dem Schlimmsten bewahrte. ---- ----- Jetzt hatte ich Ruhe vor dem Betriebsobmann, der späete verhaftet wurde, weil er Unterschlagungen in der Parteikasse gemacht hatt. Trotzdem versuchte ich auszuwandern, aber alles schlug fehl. Mein Plan Palestina schlug fehl, weil ich in keiner zionistischen Organisation war. Auch für eine Siedlungszusammenstellung nach franz. Goujana durch Rothschild klappte es nicht. Es hiess weiter abwarten. - Hier noch eine Kleine Episode, die die damaligen Situation gut beleuchtet: Da ich in Königsberg zur Schule gegangen war, auch als Verkäufer dort gearbeitet und meine Militärzeit ebenfalls dort abgedient hatte, war ich sehr bekannt. Eines Tages war ich von der EPA zum Mittagessen nach Hause unterwegs, als unverhofft ein grosser SA-Trupp mit der Hakenkreuzfahne um die Ecke bog. Es war für mich unmöglich, in irgend einem Hause zu verschwinden. Auf einmal trat aus dem Trupp ein SA-Mann auf mich zu, gab mir eine Ohrfeige und sagte: “Wirst Du dreckiger Jude mal die Fahne grüssen!” - Als ich nun mit erhobener Hand dastand, kam der Letzte aus dem Trupp wieder auf mich zu, gab mir wieder eine Ohrfeige und sagte; “Du Mistjude, willst Du
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wohl die Hand runter nehmen, Du willst wohl unsere Fahne beleidigen!” - Ich war wirklich froh, dass der Zug nicht noch länger war. -----
Am 25.11.1934 wurde mein Sohn Manfred geboren und wir erzogen ihn im jüdischen Glauben. Am 4.12.35 wurde für uns Juden auch in der EPA die Arisierung vollzogen und ich wurde sofort bis zum 31.1.36 beurlaubt. Ich hatte eigentlich eine 6 monatliche Kündigung, aber anstandhalber zahlte man das Gehalt für 3 Monate mit dem Hinweis, dass man auch dazu nicht verpflichtet sei. Nun nahm ich jede sich mir nur bietende Arbeit an. Vom Geschäftsleiter, Aufsicht, Verkäufer bis zum Möbeltransporteur, elektrischer Monteur, oder Keller auspumpen. In dieser Zeit meldete sich mein früherer Chef, Herr Hans Lindemann und fragte mich an, ob ich nicht Lust hätte, nach Abessinien zu gehen, er wolle dort ein Warenhaus aufmachen. Ich sagte zu und er schrieb mir, dass ich auf 1/2 - 1 Jahr zu seiner Schwester nach Milano ziehen müsse, um die italienische Sprache zu erlernen. Um etwas in dieser Zeit zu verdienen, sollte ich den dortigen Vereinen Jiu-Jitsu-Unterricht geben. Da meine Frau mit dem Kind aber nicht allein bleiben wollte, zerschlug sich auch dieser Plan. Daraufhin bemühte ich mich, die Erlaubnis zu erhalten, am 15. April nach Berlin zu übersiedeln. Ich hatte gehört, dass von dort die Auswanderung schneller zu betreiben sei. Am 26.3.1937 wurde mir schriftliche Erlaubnis von einem SA-Mann gebracht, mit dem Befehl, die Wohnung sofort zu räumen. Wir konnten nur einige Koffer mit dem Notwendigsten mitnehmen.
In Berlin hatten wir Glück und bekamen bald eine 2-Zimmer Wohnung in der Strausbergerstr. 36. Es war kein sehr anständiges Haus, aber wir ersahen, dass es anscheinend in Berlin noch nicht so schlimm war wie in Königsberg. Ich meldete mich sofort bei der jüdischen Gemeinde für einen Umschulungskurs als Bügler an und nahm einen 3-Monats-Kurs. Wieder hatte ich Glück und konnte am 1. Juli bereits bei einem christlichen Schneider anfangen, wo ich als Unterbügler gutes Geld verdiente. Meine
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Frau als gelernte und sehr gute 1. Handnäherin hatte auch sofort Arbeit. Im März 1938 musste mich mein Schneider wieder entlassen, da er keine Juden mehr beschäftigen durfte.
Am 2. April 1938 morgens um 6 Uhr klingelte es bei uns und zwei Kriminalbeamte standen mit einem Haussuchungsbefehl vor der Tür. Nach der ergebnislosen Untersuchung wurde ich verhaftet und nach dem bekannten Gestapokeller in der Prinz–Albrechtstr. gebracht. Ich überlegte krampfhaft, weswegen man mich verhaftet hatte. Da ich kurz vorher angefangen hatte, eine Flucht nach Ungarn vorzubereiten, nahm ich zunächst an, es sei deswegen. Die illegale Passstelle für diesen Fluchtweg war aber inzwischen aufgeflogen. Da ich noch kein Geld angezahlt hatte, war auch mein Name in den dortigen Aufzeichnungen nicht vorhanden. Jch erfuhr nur zu bald, um was es sich handelte: Die Gestapo hatte am Tage zuvor meinen Bruder verhaftet im Zusammenhang mit der im Anfang erwähnten Kiste mit KPD Inhalt und er hatte angegeben, dass ich bei der Verbrennung der Papiere dabei war. So wurde ich wegen Beihilfe zum Hochverrat angeklagt. Ich wurde vernommen, wobei es ohne Schläge und Fusstritte nicht abging. Dann wurde ich in eine Einzelzelle gesperrt. ( 3 Schritte lang und 1 1/2 Schritte breit. ) Jch erklärte, dass ich bei der Verbrennung der Papiere nicht dabei war, mein Bruder mir aber gesagt hat, dass er sie verbrannt hat. Aber man glaubte mir natürlich nicht. Mein Bruder hatte angegeben, dass er mir noch bei der Verbrennung ein Instruktionsbuch für Maschinengewehre gezeigt habe. Auch meine Mutter hatte mein Bruder als Zeuge angegeben. sie hat auch erklärt dass inr Sohn ihr erzählt habe, er hätte die Kiste verbrannt, aber auch sie sei nicht dabei gewesen. Man behielt sie von morgens bis zum Abend da, tat ihr aber nichts, da sie schon 71 Jahre alt war. Ich wurde ein paar Tage später meinem Bruder gegenüber gestellt, der sehr zerschlagen aussah. Auch in meiner Gegenwart wurde er noch geschlagen, da er sich dauernd in widersprüche verwickelte. Diese Gegenüberstellung dauerte ca.
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4 stunden. Es widerholte sich noch einige Male. In dieser ganzen Zeit war ich in der kleinen Einzelzelle. Eine Stunde am Tage durfte man in den Hof, die Hände auf dem Rücken mit zwei Schritten Abstand vom Vordermann ging man “spazieren.“ Sprechen miteinander war strengstens verboten, ueber die sonstige Behandlung braucht man wohl nichts zu sagen... Schläge und Fusstritte waren an der Tagesordnung, Schimpfworte wie “dreckiger Mistjude“ die eigentliche Umgangssprache. Ich wurde am 1. Oktober 1938 entlassen, da mir eine Beteiligung an dieser Sache nicht nachzuweisen war. Mein Bruder wurde mit 3 Jahren Gefängnis, die er in Tegel verbüsste, bestraft und blieb danach unter Polizei-Aufsicht. Am 9. November 1942 wurde er nach Polen deportiert. Ich habe von ihm nie wieder etwas gehört.---
Nun versuchte ich wieder Arbeit zu finden. Bei einem jüdischen polnischen Zwischenmeister fand ich wieder Beschäftigung. Der Verdienst wurde aber immer schlechter und nach der Kristallnacht gab es keine Arbeit mehr für uns. Nun fasste ich den Entschluss, mit noch einem mir bekannten Juden schwarz über die Grenze zu gehen nach Holland. Ende November waren wir so weit. Meine Frau hatte bei Holländischen Leuten gearbeitet und diese Chefs hatten uns Unterstützung zugesagt. Sie wohnten in Amsterdam. Diesmal wollte ich allein gehen, weil es für Frau und Kind zu anstrengend war, Nachts durch Wald und Feld zu laufen und wollte sie dann von Amsterdam aus anfordern.
Mit meinem Bekannten fuhr ich per Bahn nach Köln. Wir besorgten uns von der dortigen Umgebung eine gute Karte und fuhren mit der Kleinbahn bis nahe zur Grenze. Es war so eingerichtet, dass wir am Abend so gegen 7 Uhr dort ankamen und wir hofften, so gegen 12-2 Uhr über die Grenze zu kommen. Als wir aus Berlin abfuhren, hatten wir ca. 0-2 Grad unter Null. In Köln war es minus 10 Grad und ca. 1/2 mtr. hoher Schnee, jedoch wurde es bei diesem klaren Wetter während der Nacht kälter und kälter. Wir konnten aber nicht mehr zurück, denn es würde
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auffallen, wenn wir in diesem kleinen Dorf zu so später Stunde Quartier gesucht hätten. In dieser Nacht fiel das Thermometer auf 25 Grad unter Null und wir hofften nur, dass dadurch die Absperrung nicht so scharf sein würde.
Ich hatte an meiner Uhr einen kleinen Kompass und bestimmte die Richtung. Aber im Wald nützte uns der Kompass garnichts, denn unsere Taschenlampen brannten nicht mehr und Zündhölzer hatten wir nicht mit. Jetzt waren wir froh, einen klaren Sternenhimmel über uns zu haben und so bestimmte ich die Richtung nur noch nach dem “Grossen Bär” und dem “Kreuz des Südens.” Es war bitter kalt, aber da wir schnell und vor Angst liefen, merkten wir die Kälte nicht so. Wir waren schon 5 Stunden gelaufen, - es war gegen 12 Uhr nachts, - als wir hinter uns Hundegebell hörten. Wir liefen in eine Schonung und versteckten uns, aber es hatte keinen Zweck. Die Hunde kamen auf unsere Spur und die Grenzer hatten uns bald gefunden. Wir mussten zurück bis zu einem Blockhaus im Walde. Dort schrieb man unsere Personalien auf, man fragte uns aus, wichtig war, ob wir Geld hatten. Wir hatten aber wohlweislich nichts bei uns und wir sagten das auch. Es nützte nichts, wir mussten uns bis auf das Hemd ausziehen und wurden untersucht. Auch unsere Rucksäcke wurden durchwühlt. Ich hatte im unteren Teil meines Rasierpinsels ein 5.- Markstück, das fanden sie aber nicht. Bei der Vernehmung sagten wir die Wahrheit, dass wir als Juden nach Holland wollten, aber man glaute uns noch immer nicht, weil wir wirklich ohne Geld waren. Ich gab ihnen daraufhin die Adresse der Holländer in Amsterdam an, darauf gingen sie ein, fragten aber erst einmal in Berlin an, ob gegen uns etwas vorläge. Gegen 3 Uhr brachten sie uns auf dem kürzesten Weg an die Grenze und sagten:”Merkt Euch das, wenn Ihr zurück kommt, oder von drüben zurückgeschickt werdet, ist Euch das K.Z. sicher. So, jetzt lauft!” Und wie wir liefen! Denn sie schossen hinter uns her. Wir liefen bis wir nicht mehr konnten, dann warfen wir uns in den Schnee und krochen weite
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ter bis zu einem Heuschober, wo wir ca. 5 Minuten verschnauften, um dann weiterzugehen. Der Müdigkeit nachzugeben und auszuruhen wäre der sicherste Tod gewesen. Wir kamen dann auf einen kleinen Feldweg und nach 2 Stunden waren wir in einem kleinen Dorf. In einem Kuhstall wurde gerade gemolken und wir baten die Bäuerin, ob wir uns etwas im warmen Stall ausruhen könnten. Als wir ihr alles erzählt hatten, nahm sie uns mit in die Stube und gab uns heisse Milch und etwas zu essen. Auch etwas Geld gab sie uns, damit wir uns über den Fluss setzen lassen konnten und beschrieb den Weg genau, den wir einhalten müssten. Aber wir sol sollten uns vorsehen vor der Polizei! Die Königin hatte gerade angeordnet, alle Flüchtlinge zurück zu schicken. Der Flüchtlingsstrom war zu gross geworden.--- Wir kamen auch gut über den Fluss und hatten vermieden, durch Ortschaften zu gehen. Auch der Polizei konnten wir gut ausweichen, da sie mit Fahrrädern fuhren. Gegen Mittag umgingen wir wieder ein grösseres Dorf und mussten, - um auf den Weg zu kommen,- an einem einzelnen Gehöft vorbei. Gerade in dem Augenblick sah uns ein Polizist, der dort zu tun hatte. Er nahm uns fest und brachte uns zum Bürgermeister. Der fragte uns aus !!! Dann gab er uns ein gutes Mittagessen, sagte aber sofort, dass wir zurück müssten. Es half kein Weinen und kein Flehen.… Als nichts mehr half, baten wir, er soll uns wenigstens am Abend so an eine Stelle im Wald an die Grenze bringen lassen, dass wir nicht der Gestapo in die Hände fallen konnten, da wir sonst ins K.Z. kämen. Das versprach er uns. Wir bekamen noch ein gutes Abendbrot und wurden um 7 Uhr abends von den Grenzern abgeholt. Man brachte uns per Wagen die 25 km zurück und nachdem sich einer der Grenzer überzeugt hatte, dass kein Deutscher zu sehen sei, brachte er uns ein Stück in den Wald und gab uns die Richtung an. Wir sind dann auch die ganze Nacht durchgelaufen, ohne einem der Gestapo zu begegnen und kamen am Morgen im selben Dorf an, aus dem wir tags zuvor abmarschiert waren. ---
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Mit der Kleinbahn fuhren wir nach Köln zurück, wozu uns meine versteckten 5.- Mk. verhalfen. In Köln depeschierte ich meiner Frau, sie solle mir 50.-Mk schicken. Als das Geld kam, musste ich mir sofort ein Paar Hausschuhe kaufen, da meine Füsse erfroren waren. Die Schuhe musste ich auf schneiden, die Nägel waren ganz blau.--
Als ich nach Berlin kam, hatte meine Frau schon einen Teil der Möbel verkauft. Sowie meine Füsse einigermassen wieder in Ordnung waren und starker Schneefall einsetzte, arbeitete ich als Schneeschipper. Danach meldete ich mich bei der Jüdischen Gemeinde zur Umschulung für Land- und Forstwirtschaft und Landwirtschaftliche Chemie nach Neuendorf b. Berlin an, zwecks Auswanderung nach Mindernao auf den Philippinen. Ich musste dort auch wohnen. Wir wurden in der Landwirtschaft praktisch und theoretisch unterrichtet. Bäume wurden gefällt, zersägt, wir lernten stapeln und aufforsten. Eine Chemie-Schule mussten wir gleichzeitig besuchen. Als ich dann mit dem Prädikat “sehr gut“ ausgebildet war und als Ausbilder mit 15 Familien abreisen sollte, war der Krieg mit Russland ausgebrochen und dieser Weg dadurch versperrt!!! — Ich fuhr dann wieder nach Berlin und bekam dort 2 1/2 Schiffspassagen nach Shanghai. Aber auch diese konnte ich nicht mehr benutzen, es war Krieg!! Es sollte nicht sein, denn alles, was ich in Punkto Auswanderung unternommen hatte, war fehlgeschlagen.
Nun begann wieder die Zwangsarbeit! --- Ich wurde durch das Arbeitsamt für Juden (Fontane-Promenade) zu einer Strassenbau und Abrissfirma vermittelt. Wir mussten schwere Strassenarbeiten verrichten wie: Pflastersteine ausbrechen, Steine und Sand karren und den Steinsetzern die Steine heranbringen. Mir machte die Arbeit nicht ganz so viel aus, aber es gab Arbeitskameraden unter uns, die dabei buchstäblich zusammenbrachen. Als dann die ersten Bomben fielen, mussten wir die schwer getroffenen Häuser abreissen, wobei viele Unfälle passierten.
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Ich wurde zu ganz schweren Arbeiten mit noch 6 Juden nach dem Kronprinzenufer an die Spree abkommandiert. Eine Rampe war dort aufgebaut und wir mussten die darunter ankernden Lastkähne mit Schutt beladen. Es war eine sehr schwere und auch gefährliche Arbeit, zu der wir auch noch besonders angetrieben wurden. Durch diese Eile nervös gemacht, öffnete einer der Mitarbeiter die Seitenwand des Lasters zu früh, als ich noch auf der Rampe war. Ich wurde von dem nachstürzenden Schutt begraben und in den 10 mtr. tiefer liegenden Kahn gestürzt. Mit Verstauchungen, Splitterung und Bluterguss in beiden Beinen, einem Rippenbruch und doppelseitigem Leistenbruch wurde ich in einem Krankenwagen in die nahegelegene Charitee gebracht, wo man beide Beine in Gips legte und mir sagte ich solle die 6 Wochen zu Hause liegen, die ich zum Heilen brauchte, da man für Juden augenblicklich keinen Platz hätte. Mit dem Bruch sei es nicht so schlimm, den könnte ich später operieren lassen. Bei dem Sturz hatte ich mir noch 4 Zähne im Oberkiefer ausgeschlagen, aber trotz allem war ich froh, dass es noch so glimpflich ausgegangen war. Ich hatte das sicher nur meinem durchtrainierten Körper zu verdanken. Nachdem meine Beine ausgeheilt waren, liess ich mich im Jüdischen Krankenhaus am Bruch operieren.
Im Herbst 1941 begann die Gestapo meine Frau unter Druck zu setzen, sich von mir scheiden zu lassen. Sie erklärten ihr, dass sie andernfalls mich und den Jungen ins K.Z. bringen würden, da ich doch durch den Prozess meines Bruders und der Anklage zum Hochverrat schwer belastet sei. Um allen weiteren Massnahmen aus dem Weg zu gehen, willigte ich ein, bereitete aber sofort meine Illegalität vor, da ich die Gestapo genügend kennen gelernt hatte. Meine Frau wurde als erstklassige 1. Handnäherin in der Militärkonfektion gebraucht, aber als Frau eines Juden und als Mitglied der Jüdischen Gemeinde dürfte sie bei keinem Arier arbeiten, Sie musste also aus der Gemeinde austreten und sich wie-
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der taufen lassen. Am 14.1.1942 wurde ich geschieden und zog nun zu einer jüdischen Familie nach der Richthofenstr. 12, wo ich ein leeres Zimmer nahm. Trotzdem versorgte mich meine Frau durch die Hilfe einer Bekannten mit allem Nötigen weiter. Meistens trafen wir uns bei meiner Mutter in der Gormannstr. im Altersheim.
Am 7.4.1942 wurde ich vom Arbeitsamt nach Spandau zur Maschinenfabrik Klüssendorf versetzt. Dort wurde ich als Fräser und Dreher angelernt und sollte für die Rüstung arbeiten. Wir waren ca. 200 Juden und mussten meistens Nachtschicht machen. Zuerst betrug die Arbeitszeit 8 Stunden und später 10 Stunden. Es kam sehr oft vor, dass Juden in dieser Zeit von dort abgeholt wurden. Da ich geschickt war und gute Arbeit leistete, stand ich mit dem Meister und Einrichter auf ganz gutem Fuss. Der Mann trug zwar das Parteiabzeichen, aber es kam sehr oft vor, dass er mir bei seiner Kontrolle ein paar belegte Brote in die Tasche steckte. Ich konnte verhindern, dass der Einrichter in eine Diebstahlssache verwickelt wurde, was für mich den Vorteil brachte dass ich immer über Abholungen unterrichtet war und ob ich dabei sei. Namen nannte er nie. Ich kam nun auf Grund meiner Arbeit an die schwerste und komplizierteste Maschine, wusste aber jetzt, dass ich als unentbehrlich auf der Liste stand. 5 Monate arbeitete ich nun schon an der Maschine, die zur Kühlung Oel mit Säure hatte. Durch die Einwirkung dieser Stoffe bekam ich so stark geschwollene Füsse, dass ich krank geschrieben werden musste. Ca. 3 Wochen lag ich im jüdischen Krankenhaus und sollte am 1.3.1943 wieder zur Arbeit gehen.
Am 27.2.43 musste ich zur Krankenkasse gehen, um mir das zustehende Krankengeld abzuholen. Ich war schon sehr früh dort und als ich abgefertigt war und aus dem Haus gehen wollte, sah ich, wie zwei Schupos auf der andern Strassenseite einen Juden mit einem Stern verhafteten. (Eine der vielen Verordnungen für Juden in dieser Zeit war, dass
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wir vom 19. September 1941 an als Juden den gelben Stern sichtbar auf der linken Brustseite tragen mussten). Sofort merkte ich, dass irgend etwas in der Luft lag und knöpfte meine Jacke auf die andere Seite, um den Stern zu verdecken. Unterwegs sah ich noch zwei Mal die Festnahme von Juden. Schnellstens fuhr ich nach der Gormannstr. ins Altersheim zu meiner Mutter. Dort erfuhr ich dann, dass man heute eine ganz grosse Judenaktion startete. Das war für mich die äusserste Zeit, in die Illegalität zu gehen. Ich nahm Abschied von meiner Mutter, - es sollte ein Abschied für immer werden,- lief auf dem schnellsten Weg nach Hause, nahm zwei von den gepackten Koffern und verschwand. Auf der andern Strassenseite wartete ich auf die Elektrische und sah in dem Augenblick einen Möbelwagen um die Ecke biegen und vor unserm Haus halten. Es war also wieder mal in letzter Minute geschafft!
Illegalität !!! Was schliesst dieses Wort für Angst und Bangen, aber auch für Hoffnung ein !! — Meine erste Station war Pankow, die Wohnung von Herrn Ali Regner, der meinetwegen schon unterwegs war. Zwei andere Kommunisten nahmen mich in Empfang, - die mich später übrigens auch versteckten.- Ali kam nach einer halben Stunde und war froh, als er mich sah. Er war in meiner Wohnung gewesen - und hatte sie versiegelt gefunden. 6 Wochen blieb ich bei Ali und 6 Wochen in Rüdnitz b. Berlin. Meine Frau versorgte mich mit dem Nötigsten. Am 20.4.43 kam sie zu mir mit dem Jungen und erzählte mir, dass man, d.h. die Gestapo, am Tage vorher meine Mutter mit einigen andern alten Damen aus dem Altersheim abgeholt hatte. Sie hatte meine Mutter noch sprechen können und brachte mir ihre letzten Grüsse. Mit 76 Jahren wurde meine liebe Mutter nach Theresienstadt gebracht! Tagelang konnte ich darüber nicht zur Ruhe kommen, es traf mich sehr.— Eines Nachts wachte ich plötzlich auf. Die Gedanken waren wieder bei meiner Mutter, aber ich merkte, dass ich diese Gedanken sofort in Reime gefasst hatte. Es war ein 5-strophiges Gedicht, welches ich mir ein paar Mal fliessend wiederholte. Am andern Morgen war
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alles wie weggefegt, ich konnte mich an nichts mehr erinnern. In der nächsten Nacht passierte dasselbe und am Tage konnte ich mich wieder auf nichts besinnen. Nun legte ich mir Papier und Bleistift zurecht und eine Kerze und als ich nachts aufwachte, schrieb ich das Gedicht auf:
Meine Gedanken.
Meine Gedanken flattern von mir fort
Zu Euch, meine Lieben, Euch liebend zu umfangen.
Es ist ganz gleich an welchem Ort,-
Nur ist darin ein leises Bangen!
Ein leises Bangen wie's Euch geht
Zu jeder Tageszeit und Stunde.
Und wieder schick ich sie auf den Weg,-
Jedoch vergeblich scheint die Runde.
So ganz vergeblich wie es steht
Ist's nicht, so hör ich laut sie sagen.
Sie haben getroffen auf dem Weg
Zu Euch dieselben Fragen.
Drum unverzagt, ich bin bei Dir,
Denn den Gedankenflug kann niemand hemmen
Im Geiste bist Du auch bei mir -
Und Gott wird alles zum Guten wenden.
Wenn Gott nicht so allgütig wär!
Man könnte schier an dieser Welt verzweifeln.-
Die Erde ist so erdenschwer -
Doch nur der Geist, der sprengt die Reifen!
Ein anderes Gedicht:
Sehnsucht.
Lieb Mütterlein, Du bist so fern
In unbekannten Weiten !
Ich hätte Dich ja hier so gern, -
Jedoch man mag's nicht leiden.
Die Menschen rissen mit Gewalt
Dich fort von Deinen Kindern.
Trotzdem Du bist ja schon so alt
Der Schmerz ist nicht zu lindern.
Ich denke oft in meinem Schmerz;
Wo wirst Dein müdes Haupt Du legen?
Ich legt meins gerne an Dein Herz
Und bitt' um Deinen Segen.
Vielleicht bist DU gestorben schon
Und man hat Dich verscharret
Und hier erwartet Dich Dein Sohn, --
Jedoch vergebens er harret.
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Und sollt nach Deinem lieben Arm
Vergeblich sein mein Sehnen
Mein Herz wird mir vor Schmerzen warm,
Aus meinen Augen fliessen Tränen.
Ach, Herr mein Gott, Dein Strafgericht
Ist furchtbar schon auf Erden!
Und warum muss mich armer Wicht
Auch dieses noch beschweren?
Ruh aus, mein Mütterlein, von Deiner Qual
Dein Geist mög mich umschweben,
Und mir beistehen allüberall
Die Wege mir zu ebenen.
Was Gott tut, das ist wohlgetan,
Ich will darob nicht grollen,
Des Menschen Tun, es ist nur Wahn.
Und Kläglich ist sein Wollen.
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Seit diesem Tage konnte ich stets die mich tief bewegenden Gedanken in Verse kleiden, etwas, was mir über viele schwere Stunden hinweghalf. Wenn ich heute diese Gedichte lese, - es sind eine ganze Menge geworden, dann kann ich daraus meine damalige Verfassung wie in einem Spiegel sehen.
Nach den 6 Wochen in Rüdnitz ging ich nach Siemensstadt, von da wieder zu zwei verschiedenen andern Stellen in Pankow und von da wieder nach Rüdnitz. In den ersten Tagen, als ich wieder dort war, kam meine Frau weinend zu mir und erzählte mir, dass der Junge mit hohem Fieber im Krankenhaus läge und sie morgen auch wegen einer Nierenbeckenentzündung ins Krankenhaus müsse. Wir waren beide sehr niedergeschlagen. Als sie gegangen war, fand ich keine Ruhe und meine Gedanken formten wieder ein Gedicht: “Sorgenschwer.”
Es fing langsam an, kalt zu werden, ich konnte nur noch kurze Zeit in Rüdnitz bleiben und hatte schon den Gedanken erwogen mir dort im Wald einen Unterstand zu bauen. Wir sind dann aber zu einem andern Entschluss gekommen. Mein Freund Ali zog offiziell zu meiner Frau, - er brauchte nicht zum Militär,- und damit hörten die Nachforschungen seitens der Gestapo nach mir auf, und ich zog ebenfalls einige Zeit später wieder in meine Wohnung zu meiner Frau. Es war ein sehr ge-
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fährliches Unterfangen, denn von unserer 2 Zimmer-Wohnung bewohnten wir nur noch ein Zimmer mit Küchenbenutzung, da uns das Wohnungsamt gleich 1939 eine Untermieterin zugewiesen hatte, die mich auch noch kannte. Wir hatten der “Arierin” das Zimmer als Leerzimmer geben müssen und sie schikanierte uns wo sie konnte, weil sie gern in den Besitz der Wohnung kommen wollte. Nach der Scheidung sah sie zwar für ihren Plan keine Aussichten, aber das Zusammenleben war furchtbar. Umsomehr musste ich mich vorsehen und ging nur noch in Filzschuhen. Wenn die Frau zu Hause war, durfte ich kein Wort sprechen, Schlaf gab es für mich nur am Tage, wenn die Frau zur Arbeit ging. Nachts wachte ich und hörte Radio, wobei ich mir eine schwere Decke über den Kopf und Apparat zog, um meine Frau sofort zu wecken, wenn der Voralarm angesagt wurde und mit einem Angriff zu rechnen war. Kamen die Flieger, so liefen alle in den Luftschutzbunker, - auch unsere Untermieterin Frau Rose, - und ich sass währenddessen angezogen mit zwei Decken über dem Kopf im Korridor auf einem kleinen Fussbänkchen. Ausserdem stand immer die Tür des Kleiderschrankes offen und wenn jemand klopfte, oder Besuch kam, verschwand ich im Kleiderschrank. Manchmal sass ich stundenlang im Schrank hinter den Kleidern.
Bis dahin war alles gut gegangen und ich war bereits 7 Wochen zu Hause. Eines Tages kam meine Frau früher nach Hause und ich half ihr in der Küche beim Kartoffelschälen. Ich hatte gerade die Zimmertür aufgemacht, als es an der Korridortür schloss und Frau Rose auch schon eintrat und mich sah. --- Wir dachten nun nicht anders, als dass unsere letzte Stunde geschlagen hatte. Meine Frau umschlang mich und wir weinten bitterlich. Frau Rose kam wieder aus ihrem Zimmer, sah uns so sitzen und sagte; “Jetzt haben Sie beide Angst, dass ich Sie anzeigen werde. Aber Sie können ganz beruhigt sein, ich sympathisiere mit den Bibelforschern und würde es als Sünde ansehen, wenn ich einem Juden schaden würde.“ - Von nun an war die Frau rührend und hilfsbe-
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reit, wo immer es notwendig war. Ich dürfte sogar wenn Besuch kam, in ihr Zimmer gehen, um nicht so lange im Schrank sitzen zu müssen. Wieder hatte mir Gott geholfen !
Zwei Monate später passierte wieder etwas, wo ich an eine höhere Fügung denken musste. Mein Sohn, der inzwischen 9 Jahre alt war, dürfte als Mischling keine Schule besuchen und so unterrichtete ich ihn zu Hause im Rechnen. Plötzlich ging die Tür auf und die Frau unseres Luftschutzwartes, der in der Partei war und immer mit einem grossen Abzeichen ging, Frau Lindemann, trat ins Zimmer und sah mich !!! Unsere Korridortür musste nicht richtig verschlossen gewesen sein und durch irgendeine Erschütterung aufgesprungen sein, dadurch war die Frau in die Wohnung gekommen. Am Abend ging meine Frau zu Frau Lindemann und bat sie inständig, niemandem etwas von dieser Begegnung zu erzählen, auch nicht ihrem eigenen Mann. Sie hat auch ihr Versprechen gehalten und da sie ja wusste, dass ich keine Lebensmittelkarten habe, steckte sie immer am Kartentag, (Ausgabe der neuen Lebensmittelkarten,) ihre erübrigten Marken durch unsern Türschlitz.
Am 14.8.1944 hatten wir den bisher grössten Angriff auf den Bezirk Friedrichshain zu überstehen. Die Flieger hatten es besonders auf die Maschinenfabrik Tiessen abgesehen, die 50 mtr. hinter unserm Haus lag. Der Alarm begann vormittags um 10 Uhr. Ich setzte mich, wie immer, fertig angezogen in den Korridor auf mein Fussbänkchen und zog zwei dicke Decken über den Kopf. Unsere Wohnung befand sich im ersten Stock. Eine schwere Bombe nahm im Schrägflug unsere 4. Etage ganz, die 3. zur Hälfte, ein Stück der 2. Etage und nahm dann den Weg an der Wand unseres Korridors entlang (schmale Seite) in den Nachbarkeller, wo sie explodierte. Durch den gewaltigen Druck wurde unsere Korridorwand ca. 1 mtr. eingedrückt und ich flog unsern 6 mtr. langen Korridor entlang und durch die Korridortür, welche durch den Druck aufgerissen war, auf die Flurtreppe. Schnell kam ich wieder zu
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mir und merkte, dass mir ausser einigen blauen Flecken nichts passiert war. In diesem Augenblick hörte ich, wie unser Luftschutzwart mit den Helfern aus dem Keller kam, um das Haus zu kontrollieren. Schnell versteckte ich mich in unserm Klosett. Sie inspizierten auch unsere Räume, zogen die Flurtür zu und gingen nach oben. Ich stellte irgend etwas vor die Tür, damit ich nicht überrascht werden konnte und ging zum Fenster, um erst mal festzustellen, wie die Lage war. Die Luft war so voll Staub, dass es schwer war, etwas richtig zu erkennen. Allmählich stellte ich fest, dass das Nachbargrundstück zusammengestürzt war und unser Haus von oben anfing zu brennen. Sicher waren gleichzeitig Brandbomben gefallen. Nun fing ich an, grosse Bündel zu machen von unsern Sachen, stapelte sie auf, damit Ali und meine Frau sie sofort heruntertragen konnten, wenn sie kamen. Inzwischen merkte ich, dass die andern Hausbewohner auch anfingen, ihre Sachen herunter zu schaffen und fand es jetzt an der Zeit, zu verschwinden. Ich hatte mir einen kleinen Bart wachsen lassen und trug dazu, um unkenntlich zu sein, eine dunkle Brille. So nahm ich zwei Koffer in die Hand, zwei Koffer hing ich mir mit einem Riemen um den Hals und als wieder ein Schub von Leuten die Treppe herunter ging, schob ich mich dazwischen und kam ungesehen aus dem Haus. Zu meiner nächsten Station Hoffmann in der Prenzlauer Allee lief ich nun 2 Stunden. Es war die Schneiderwerkstatt, in der meine Frau arbeitete. Hoffmanns hatten schon mehrfach geholfen und auch diesmal taten sie ihr Möglichstes. Sie brachten meine Frau, den Jungen, Ali und mich in der Werkstatt unter und gingen am nächsten Tag mit ihren ganzen Leuten für 6 Wochen in Urlaub. So waren wir ganz ungestört. Durch Vermittlung von Frau Hoffmann bekam meine Frau bald eine 1-Zimmer Wohnung in der Sonntagstr. 26 im III. Stock. Meine Frau richtete sich einigermassen, - mehr wie bescheiden.- wieder ein und nachts zog ich dann auch wieder dorthin. Das Gute war, dass mich hier niemand kannte im Haus und wir die Wohnung allein hatten. Wir mussten natürlich trotz-
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dem sehr sehr vorsichtig sein, denn unter und neben uns wohnten Nazis. Wir hatten verabredet, wenn meine Frau aus irgendeinem Grunde von der Arbeit jemanden mitbringen musste und die Wohnzimmertür war zu, so lag ich unter dem Bett, war die Küchentür zu, war ich in der Speisekammer. Als ich einmal stark erkältet war, gab es wieder grosse Schwierigkeiten, -- niemand dürfte mich husten hören! Bei jedem Hustenanfall musste ich ins Zimmer laufen und den Kopf unter die Bettdecke stecken, um mich auszuhusten. Viel schlimmer waren jedoch nun die immer häufiger werdenden Luftangriffe und mein Verbleiben während dieser Zeit in der III. Etage! Trotzdem das Haus in einem Viereck gebauten Block stand, merkte ich bei schweren Angriffen, wie der ganze Block schwankte. Ich hatte mir im Korridor, - wo ich wieder auf einem Bänkchen hockte mit zwei Decken über dem Kopf, - einen Haken in die Wand geschlagen und bei Alarm hängte ich dort eine Wäscheleine und ein Beil auf. Durch Luftdruck und Erschütterungen bekam eine Wand in unserm Zimmer einen Bauch und Ofen und Herd waren ebenfalls stark beschädigt. Ein Töpfer musste kommen, um den Schaden zu beheben. Wo konnte ich bleiben? Im Wohnzimmer unter dem Bett ging es nicht, weil der Mann mich beim Bücken sehen würde, also ging ich in die Speisekammer in zwei Decken gepackt. Unglücklicherweise war es an diesem Tag sehr kalt. Der Mann fing in der Küche an beim Herd und ging dann ins Wohnzimmer. Die Arbeit dauerte 5 Stunden. Während dieser Zeit sass ich in der eiskalten Speisekammer und war so steifgefroren, dass man mich nachher richtig auftauen musste.
Ab Januar 1945 wurde es mit der Verpflegung noch schlechter. Es gab Tage, wo ich nur von 5 kalten Kartoffeln lebte. Eine Delikatesse war es für mich, wenn meine Frau mir einen schwarzen Rettich mit brachte. Ohne meine Gedichte wäre ich wohl nie über diese Zeit hinweggekommen. Meine Nerven waren völlig am Ende. Es kam der Grossangriff am Tage, über Berlin waren 4500 Flugzeuge. In der 3. Etage war es unheimlich
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und ich hatte das Gefühl, ein Erdbeben mitzumachen. Jeden Augenblick müsste sich die Erde auftun und alles verschlingen! In unser Haus fielen 9 Brandbomben und Sprengbomben. Letztere explodierten meistens im Hof. Eine Brandbombe fiel aber durch das Dach, die 4. Etage und 3. Etage und landete direkt in einem dafür aufgestellten Wasserkübel. Natürlich waren sämtliche Fensterscheiben raus und die Wand in unserm Zimmer hatte sich noch mehr gewölbt. Rings um unser Haus brannte es, Häuser waren eingestürzt, die ganze Frankfurter Allee war ein Flammenmeer. Meine Frau brauchte 3 Stunden, um von ihrer Arbeitsstelle mit dem Jungen nach Hause zu kommen. Als wir uns alle drei gesund wiedersahen, bekamen wir einen Weinkrampf und einen Nervenzusammenbruch. Meine Frau wollte sich mit mir und dem Kind das Leben nehmen. Nur durch meine Ueberlegung unterblieb es. Ich gab ihr das Versprechen, falls wir nicht bis zum 6.5., meinem Geburtstag, befreit sind, einverstanden zu sein, gemeinsam aus dem Leben zu gehen. Sollte ich diese unendliche schwere Zeit umsonst durchgemacht haben? Hatte der liebe Gott mich nicht oft genug beschützt?
Anfang April war ein schwerer Nachtangriff, bei dem besonders unser Bezirk vorher gezeichnet war mit “Weihnachtsbäumen.” Beim Abwerfen dieser vielen Bomben stürzte auch unsere Wohnzimmerwand ein, was für mich bedeutete, so schnell wie möglich mein Quartier zu wechseln. Am Morgen um 5 Uhr machte ich mich dann auch auf den Weg nach Schöneweide zu Niesa. Dieses Quartier hatte ich schon vorbereitet, falls die Wand zu Hause einstürzt, denn dadurch hatte ja unser Nachbar, der Nazi, freie Aussicht. Herr Niesa war politisch vorbelastet, hatte auch zu Anfang des 3. Reiches gesessen, da er aber krank war, stand er nur unter Polizeiaufsicht. Ausserdem wurde er als Mechaniker sehr benötigt. Mein Weg zu ihm war ziemlich gefährlich, oft genug kamen Kontrollen und ich musste mich verstecken. Um 7 Uhr war ich angelangt und musste immer wieder, wenn irgend jemand kam, in den Schrank. Gegen Mitte
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April brachte mir meine Frau wieder etwas Essen, was sie für mich durch den Verkauf meines Trauringes erworben hatte. Nachts kam ein grosser Fliegerangriff und am Morgen gab es keine Fahrtgelegenheit mehr, also waren wir wieder vereint. Lange konnte es nicht mehr dauern, die Russen kamen immer näher.
Eines Morgens, gegen Ende April, kam die SA, um Herrn Niesa abzuholen. Es hiess zwar nur zu Schanzarbeiten, aber wieviele waren dabei schon erschossen worden? Im ersten Augenblick wollte er flüchten, aber seine Frau redete ihm gut zu, er würde uns alle in Gefahr bringen, wenn man die Wohnung durchsuchen würde, und mich im Schrank fände. Er kam auch Gott sei Dank am Abend zurück. Mir wurde nun im Keller hinter Kisten und Gerümpel ein Lager bereitet, wo ich weitere 8 Tag zubrachte. Die Russen kamen immer näher. Eines Morgens hörten wir, dass die SA in der Wühlheide Landsturmleute aufgehängt hat, die nicht mehr kämpfen wollten. Am nächsten Tag begann der Beschuss auf Berlin und Niesa ging nicht mehr zur Schanzarbeit. Als die SA kam, um ihn zu holen, sagten die Frauen, er sei morgens weggegangen zur Arbeit, hoffentlich sei ihm bei dem Beschuss nichts passiert. Es war sein Glück, denn in der Nacht wurde die Brücke gesprengt, vorher erschoss man aber noch alle politisch Vorbestraften, die zuerst ihr eigenes Grab ausheben mussten.
Am 28. April 1945 kamen die ersten Russen und ich konnte endlich mein Versteck verlassen. Aber wie sah ich aus ? Bleich, verwildert mit Bart, mein Gewicht: 89 Pfund !! Die Leute wichen entsetzt wie vor einem Gespenst zur Seite als sie mich kommen sahen. Ich aber war so unendlich froh und glücklich und dankte Gott für meine wunderbare Errettung.
Erich Friedlaender