P.II.e.(C.S.R.) No. 1068
Praha, 5. XII. 1945
aufgenommen mit Frau Dr. Cäcilie Friedmann, geb. 2.IV.1914, gewesener Häftling der Konzentrationslager Theresienstadt, Auschwitz, Ravensbrück, Zwodau, wohnhaft Praha I., Kralodvorska 15, tschechischer Nationalität. Aerztin.
In einem Buche, das sich mit den von den Japanern besetzt gewesenen Teilen Chinas beschäftigt, wird an einer Stelle prinzipiell auf den Unterschied der Beweggründe hingewiesen, die Menschen unter faschistischem Terror veranlasste, auf ihren führenden Posten auszuharren, resp. sich dann erst an die Spitze zu stellen. Die Mehrzahl von ihnen waren feige Oportunisten, willige Exekutiv-Organe ihrer Unterdrücker, wogegen die Wenigen, Besten das Aeusserste zu retten versuchten, was noch zu retten war, um ihr Volk nicht völlig den fremden und den eigenen Unterdrückern auszuliefern.
Von diesen Ausnahmen habe ich das Glück drei gekannt zu haben. Da ist vor allem der Oberrabbiner Dr. Leo Baeck und weiter Jakob Edelstein und Richard Friedmann.
Diesen Männern ist vor allem gemeinsam, dass sie freiwillig auf ihren Posten verblieben - trotzdem ihre Lieben und alles, was ihr persönliches Leben ausmachte, schon ausserhalb der Grenzen Deutschlands sich aufhielten, resp. Gelegenheiten hatten, heraus zu kommen - ursprünglich aus Solidarität mit der Gemeinschaft und später aus Überzeugung, dass sie dank des Einsatzes ihrer Person und ihrer Fähigkeiten ihrem Volke in der Not, wenn auch in beschränktem Masse, helfen konnten.
Es ist bekannt, dass Dr. Leo Baeck sofort nach der Machtübernahme Hitlers nach England hätte gehen können. Er nahm die Einladung für seine Kinder an, blieb aber selbst auf seinem Posten, auf dem er so lange ausharren wollte, solange noch Juden in Deutschland lebten.
Jakob Edelstein war zur Zeit der Besetzung Prags durch die Deutschen im Besitze von Dokumenten, aufgrund derer er selbst und seine Familie hätten nach Palästina auswandern können. Auch er empfand die Ausreise in diesem Augenblick als Desertion.
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Richard Friedmann kannte ich vom 1.IX.1939 bis zu seinem Tode in Auschwitz am 22.V.1944. Ich will über sein Leben und seine Arbeit ausführlich berichten. Jakob Edelstein, mit dem ihn in diesen fünf Jahren Freundschaft und Kameradschaft auf Leben und Tod verband, schrieb an Richard Friedmann anlässlich eines entscheidenden Tages in seinem Leben: “Du warst der Mutigste und der Stärkste von uns allen. Was Du an Kraft und Wagemut uns brachtest, habe ich mit ruhiger Überlegung ergänzt.”
Das glaube ich auch, und das wissen alle Freunde, die sein Leben und seine Arbeit aus der Nähe kannten. Denn die grosse Aussenwelt durfte von dieser Arbeit und von diesem Leben in dieser Zeit nur das wenigste erfahren.
Kurze Lebensgeschichte
Richard Friedmann ist der Enkelsohn des jüdischen Gelehrten Meir Friedmann, bekannt unter dem Namen Meir Ischalom, dessen Familie aus Kaschau stammt. Der Vater Richard Friedmanns litt als Kind an einer Meningitis und war während des ganzen Lebens kränklich. Er war Berufsbeamter der Kultusgemeinde Wien und befasste sich in seiner freien Zeit ebenfalls mit wissenschaftlichen und hauptsächlich mit sozialen Fragen. Die Mutter, Elsa Engel, entstammt einer alten Wiener jüdischen Familie. Sie war die Schwester des späteren Amtsdirektors der Wiener Kultusgemeinde Emil Engel, in dessen Hause Richard Friedmann, früh verwaist, sein späteres Zuhause fand. Mit 11 Jahren verlor Richard Friedmann seinen Vater, im Alter von 16 Jahren auch die Mutter.
Trotz ungewöhnlicher Begabung entschloss er sich das Mittelschulstudium aufzugeben und eine Handelsschule zu besuchen, um in kürzester Zeit für sich und seine um 5 Jahre jüngere Schwester unabhängig sorgen zu können. Nach Absolvierung der Handelsschule war er in mehreren Privatunternehmungen als Beamter tätig und trat dann im Alter von 21 Jahren ebenfalls als Berufsbeamter in die Kultusgemeinde Wien ein. Hier arbeitete er, den Vorschriften der Kultusgemeinde entsprechend, in den verschiedensten Abteilungen, sozialärztlichen usw.
In seiner freien Zeit erwarb er sich ein tiefes und umfassendes Wissen, hauptsächlich in Fragen der Geschichte
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und Nationalökonomie. Doch gab es keine Fragen auf dem Gebiet menschlicher Erkenntnisse, die ihm völlig fremd waren, sodass er in jedem Kreise sich als prägnanteste Persönlichkeit erwies, seine Vielseitigkeit im Kreise der Freunde und Bekannten sprichwörtlich war, und er in den Jahren, in denen ich ihn kannte, im Alter von 31 - 35 Jahren diskussionslos und in natürlicher Weise für seine Welt eine Autorität darstellte, was jedoch durch sein natürliches Wesen, sein warmes Gemüt und seinen Humor nie unangenehm empfunden wurde.
Der Tradition seines Milieus entsprechend, war er ein bewusster und auf seine Zugehörigkeit stolzer Jude und war in seiner Jugend zionistisch organisiert. Seinem persönlichen Lebensstil gemäss war er Kosmopolit und hat sich bis zum Jahre 1938 politisch nicht exponiert.
Mit dem Tage der Besetzung Österreichs durch die Nazis ändete sich sein ganzer Lebensstil völlig. Aus dem spielerischen, künstlerischen, vielseitig interessierten und vielseitig beschäftigten jungen Lebemenschen wurde mit einem Schlage ein stahlharter, disziplinierter, fanatischer und bewusster Kämpfer für die Sache des Judentums, ursprünglich im Rahmen der jüdischen Kultusgemeinde Wien, in der er in dieser Zeit seit 8 Jahren Berufsbeamter war.
Von diesem Tage bis zu seinem Tode stand sein Leben völlig im Dienste des Kampfes. Seine Arbeit wurde bewusst zum Zentralproblem seines Lebens, Privatleben und Beziehungen zu den nahestehenden Menschen wurden ausdrücklich und faktisch auf den letzten Platz gesetzt. Richard Friedmann hatte in allen Phasen dieser Arbeit eine klare Vorstellung von der Situation und von der Stellung der feindlichen Parteien zueinander. Er unterschied in seiner Arbeit historisch mehrere Phasen, und so wie er sie sah, so will ich sie schildern.
Arbeit in Wien.
Effektives Rettungswerk.
Auswanderungsaktion.
Im allgemeinen gesehen, unterschied Richard Friedmann in der Geschichte der Judenverfolgungen in Nazi-Deutschland
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zwei grosse Phasen. Es waren zwei Feldzüge, die die Verbrecherbande gegen die wehrlos gemachte Minderheit organisierten. Ein Feldzug des Raubes, in dem ausser dem in jeder Phase verfolgten politischen Zweck der Ablenkung und Verdummung der eigenen Massen, die Nazis vor allem an den materiellen und geistigen Gütern der Juden Interesse hatten. Es ist die Zeit vom Jahre 1933 bis ungefähr zum Kriegsbeginn. In dieser Zeit wurden trotz aller Brutalitäten und gelegentlichen Mordens Juden selbst noch aus den Konzentrationslagern entlassen, wenn sie nur alles da liessen, was die Nazis erfreute. Schon bei Beginn des Krieges und besonders nach dem Jahre 1941, als es auf den Schlachtfeldern draussen keine billigen Siege mehr gab, entluden sich alle bösen Instinkte der bedrohten Bestien gegen den einzigen wehrlosen Feind, die Juden. Es begann der Feldzug des grossen Mordens, es ist die Zeit der Massentransporte nach dem Osten, die Zeit von Majdanek, Treblinka und Auschwitz. Bis zur Zeit der Massentransporte unterschied Friedmann ebenfalls zwei prinzipiell verschiedene Phasen der Arbeit und des Kampfes. In den Jahren bis zu Beginn des Krieges war eine effektive Rettung des Menschenlebens zu erzielen durch Auswanderung in Länder ausserhalb des Bereiches der faschistischen Herrschaft. Nach dem 1.IX.1939, wo die Auswanderungsmöglichkeiten maximal eingeschränkt waren, war das erreichbare Ziel, das ihm vorschwebte, die KONSERVIERUNG des einzelnen Individiums, d.h. das Erhalten der physischen Existenz unter den gegebenen bestmöglichen Bedingungen bis zur Vernichtung des Faschismus.
Die Arbeitsjahre in Wien 1938/39 stellten somit die erste und zweite Phase dar.
Es ist allgemein bekannt, dass aus Wien innerhalb eines einzigen Jahres 120.000 Juden in die Freiheit auswandern konnten und dass in Wien zahlenmässig das grösste Hilfswerk zur Rettung der europäischen Juden vollbracht wurde. Es ist schwer festzustellen, wie weit Richard Friedmann an der Planung dieses Werkes beteiligt war. Er war zu dieser Zeit 27 Jahre alt und gehörte nicht zu den führenden Beamten der Kultusgemeinde. Gewiss hatte die Wiener Kultusgemeinde als alte und grosse Institution Menschen von politischem Format, die sich realistisch auf die gegebene Situation einstellten.
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Doch entsprach die Grosszügigkeit der ganzen Aktion so sehr dem Wesen Richard Friedmanns, dass er bestimmt auch zu den Initiatoren der Planung gehörte, und völlig unbestreitbar ist die Tatsache, dass die praktische Durchführung in diesem Masse und in diesem Tempo, auch in ihrer ganzen Form, ohne ihn nicht denkbar wäre. Es war eine gigantische organisatorische, technische und politische Leistung, die in diesem Jahre vollbracht wurde.
Es ist bekannt, dass die Judenaktion in Wien sofort nach der Besetzung mit ungewöhnlicher Heftigkeit und Brutalität einsetzte. In den ersten Tagen wurden Wohnungen ausgeplündert, die jüdischen Insassen gequält, geschändet und auf die Strasse getrieben. Es entstand eine masslose Panik und Ratlosigkeit, und in dieser Situation wurden auch noch die führenden Männer der Kultusgemeinde in Haft gesetzt, die Institutionen der Kultusgemeinde gesperrt und die Gelder beschlagnahmt. Es gelang den führenden Männern, etwas vor den Nazis zu retten, und dieses erste illegale Geld gab Emil Engel vor der Verhaftung Richard Friedmann als ersten illegalen Fond.
Aus diesen Geldern entstanden in den ersten Nächten auf irgendwelchen Strassen und Plätzen Wiens die ersten Notküchen, wo ein Teil der aus ihren Wohnungen verjagten hilflosen Menschen zum ersten Mal eine Mahlzeit fand. In Nacht und Nebel wurde von irgend jemand ein Kessel gebracht, von einem anderen ein Sack Kartoffeln, die alle wieder im Dunkel der Nacht verschwanden. Doch diese wüste Zeit dauerte nur ein paar Tage. Scheinbar war es gut geführte ‘Regie’, die die Nazis anwandten, um den Juden ihre Situation und ihre Chancen plastisch vor Augen zu führen. Die Leiter der Kultusgemeinde wurden wieder enthaftet, die Vertriebenen kehrten grösstenteils in ihre Wohnungen zurück, und es wurde offiziell die Parole ‘Auswanderung’ ausgegeben.
Die Juden hatten aus dieser Lektion tatsächlich gelernt. Sie erkannten, dass ein Kampf auf Grund politischer oder gesetzlicher Verhandlungen mit diesen, ausserhalb der menschlichen Gesellschaft stehenden, Bestien sinnlos sei und dass im gegebenen Moment die Räumung des Schlachtfeldes die einzige Möglichkeit darstelle. Die
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gesamte Organisation der Kultusgemeinde wurde augenblicklich in den Dienst dieser Arbeit gestellt und die Kultusgemeinde übernahm die Durchführung der Aktion.
Vor allem wurde der bürokratische Vorgang für die Auswanderung vereinfacht, in der Weise, dass die Menschen nicht mehr 8 - 10 verschiedene Ämter in den verschiedensten Teilen der Stadt ablaufen mussten - was im Anfang Wochen bis Monate in Anspruch nahm! - sondern alles wurde zentralisiert in dem sogenannten ‘Auswanderungsamt’. Dort sass von jeder Behörde ein Beamter, der die entsprechenden Dokumente zur Erledigung übernahm. Mit einem einzigen Erscheinen war man in der Lage, Steuerbescheinigung, politisches Zeugnis, Vermögensausweise etc. zu erhalten. Dann allerdings begann erst die Erledigung bei den einzelnen Behörden, die nun aber nicht mehr von den einzelnen, sondern von den Beamten der Kultusgemeinde durchgeführt wurde.
Man muss Richard Friedmann gekannt haben, seine physische Kraft, seinen fanatischen Arbeitseifer, seine Zähigkeit und sein Tempo, um die Schilderung der Arbeitsleistung in Wien nicht als Übertreibung anzusehen. Ich selbst und alle Freunde aus Prag haben erst später in Theresienstadt aus den Erzähllungen der dort lebenden Wiener (Desider Friedmann, Stricker u.a.) das Ausmass des Einsatzes und der Arbeitsleistung Richard Friedmanns in dieser Zeit erfasst. Zum Glück leben wahrscheinlich viele Zehntausende von denen, die damals ins Ausland gelangten, und diese werden sich an das Amt in der Prinz Eugenstrasse gewiss noch erinnern. Monatelang standen von 4 Uhr früh meist bis 12 Uhr nachts kilometerlange Schlangen von Menschen, und zu jeder Stunde in diesen vielen Monaten war Richard Friedmann auf seinem Platz oder der Stab seiner Mitarbeiter, die er zum gleichen Fanatismus und Arbeitseinsatz erzog und mit denen ihn eine Art tiefster Kriegskameradschaft verband. Wenn er nicht im Auswanderungsamt war, so befand er sich auf unermüdlichen Wegen zu den verschiedensten Behörden, sowohl der Gestapo, als auch der Zivilverwaltung Wiens. Oder er verhandelte mit ausländischen Behörden zwecks Beschaffung der Visa, der technischen Einrichtung von Fahrtmöglichkeiten etc. Wer heute mit der Repatriierung einiger hundert oder tausend Menschen in ihre Heimat zu tun hat und dazu Wochen
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und Monate benötigt, wird ermessen, welchen Apparates es bedurfte, um 120.000 Menschen, von Nazi-Behörden abhängig, ordnungsgemäss ins Ausland zu befördern.
Fast jeder einzelne Fall erforderte Kampf und Verhandlungen mit der Gestapo und mit den Zivilbehörden, erforderte Verschleierung, Fälschung von Dokumenten, erforderte Interventionen und Bitten, denn das System der Nazis bestand darin, prinzipiell jede Situation zu erschweren und nichts zu erleichtern. Aber die Juden Wiens verliessen ungeachtet aller Chikanen nicht nackt und bettelarm das Land, die meisten konnten wenigstens einen Teil ihrer Habe in die neue Heimat hinüberretten. Ein anderer Teil, von dem die Gestapo nie etwas erfuhr, wanderte in den illegalen Fond der Kultusgemeinde, aus dem die Auswanderungskosten für jene bestritten wurden, die selbst keine Mittel besassen.
Die Aktion wurde in grosszügigster Weise möglichst kollektiv und unabhängig von den materiellen Möglichkeiten des einzelnen durchgeführt. Es kamen die zur Auswanderung, die genügend Initiative hatten und sich dazu drängten. Dies galt ganz besonders, und das ist der positivste Teil der Leistung der Wiener Gemeinde, für all jene Personen - und nach der Grünspan Affäre waren es tausende! - die sich in Haft befanden. Wie schon erwähnt, ist es nach Interventionen und Verhandlungen bei der Gestapo gelungen, auf Grund von Vorlage ausländischer Visa und den dazu gehörigen Schiffs- oder Flugkarten, verhaftete Juden aus den Konzentrationslagern heraus zu bekommen. Die zu tausenden besorgten Visa in die verschiedensten Länder der Welt (wie Shanghai, Chile, Fidschi-Inseln u.a.) wurden automatisch auf denjenigen Namen ausgestellt, dessen Angehörige die Verhaftung meldeten. Ganze Schiffe waren für Wochen und Monate von der Kultusgemeinde für den Transport von Auswanderern vollständig aufgekauft, und es gab Fluglinien, die ebenfalls für Wochen und Monate von der Kultusgemeinde belegt waren und keinen anderen Zivilpersonen zugänglich.
Und dann die Wiener Kinder! Friedmann erzählte später, dass es mit zu den schwersten Stunden seines Lebens gehörte, als er - scheinbar hart und brutal - vom Säugling bis zum 20jährigen Jugendlichen bei den Müttern darauf bestand, ihre Kinder in die Kindertransporte nach Eng-
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land einzureihen. Viele Tränen wurden vergossen, die diese einzigen geretteten europäischen Kinder auf ihre Reise ins Leben begleiteten. Er begleitete selbst fast alle Kindertransporte bis London. In die Serie seiner warmen und humorvollen Erzählungen und Anekdoten aus dieser Zeit der positiven Arbeitsleistung gehörten die Geschichten der kleinen Kinder, die noch in Körben befördert wurden und der Jungen und Mädchen in der Pubertätszeit, die an dem Kollektiv der Reise und an der Romantik des Unternehmens Freude hatten und unter denen er Hunderte von kleinen, geliebten Freunden hatte, zu den schönsten. Einige Hundert schmuggelte er manchmal ausserhalb der offiziellen Liste noch dazu. Einige Male war er an der holländischen Grenze für ein paar Stunden, resp. Tage in Haft, doch war soetwas nichts Ungewöhnliches, denn Haft und Lebensgefahr waren im Umgang mit der sogenannte “übergeordneten Behörde” das tägliche Brot. Wie oft er in Wien für Stunden oder Tage verhaftet gewesen war, wusste er später selbst nicht mehr: ungefähr an die 20 Male. Die Verhandlungen spielten sich keineswegs immer in zivilen oder freundlichen Tönen ab; doch darüber an anderer Stelle.
Aber ausser diesen legalen Auswanderern - die Konzentrationslagerhäftlinge eingeschlossem, die offiziell und über das Auswanderungsamt Österreich verlassen konnten - gab es auch Menschen und Menschengruppen, die verschwinden mussten, ohne dass die Gestapo etwas von ihrer Existenz erfuhr. Diese hatten illegal die Grenzen zu überqueren, und auch die Durchführung dieser Auswanderungen übernahm der offizielle Beamte des “Amtes für jüdische Auswanderung unter Leitung der Gestapo” Richard Israel Friedmann, der Name unter dem er um diese Zeit bekannt war. Er ging selbst einige Male illegal über die Grenze, denn sein Prinzip war, niemals vom grünen Tisch aus Verhandlungen zu führen. Immer nahm er er selbst, ausser der Planung und der Organisation solcher Aktionen, auch praktisch an ihrer Durchführung teil. Junge und ältere Männer aus seiner Wiener ‘Garde’, die wir später in Theresienstadt sprachen, charakterisierten Richard Friedmann aus dieser Zeit: Richard war unser Leiter, und wir gehorchten ihm blind, denn wir hatten uns überzeugt, dass er alles, was er von uns forderte, immer als erster selbst unternahm.
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Psychologische Situation
Ich möchte an dieser Stelle eine prinzipielle Frage aufwerfen. Der breiten Öffentlichkeit, die in die Arbeit der jüdischen Vertreter zu jener Zeit keinen Einblick gehabt hatte, und mehr noch, gewissen Kreisen des Auslandes, die das Leben direkt unter faschistischem Terror nicht kennen gelernt haben, muss es problematisch und rätselhaft scheinen, dass ein Jude, de facto recht- und machtlos, wenn auch in höchster Position, in Verhandlungen mit der Gestapo Erfolge erzielte. Man fragt sich mit Recht, um welchen Preis machte die Gestapo Konzessionen? Sie war doch Herrin über Leben und Tod des jüdischen Individuums, warum also liess sie sich belügen und betrügen, monate- und manchmal jahrelang?
Für uns, die wir die Arbeit aus der Nähe, sozusagen ‘hinter den Kulissen’ erlebt haben, oder wir alle die wir in Konzentrationslagern die Herrschaft der Nazis erlebten, ist diese Sache weniger rätselhaft.
Vor allem muss eine wesentliche Tatsache festgestellt werden. Der grösste Teil der Nazi-Schergen, fast alle Herren SS-Unter-, Ober-Sturmführer etc. waren stumpfe, dumme, ungebildete, unfähige Kreaturen. Ihre einzige obligate Fähigkeit war Grausamkeit und Brutalität und genügende politische Dummheit, um bis zum äussersten Moment an den Sieg der Verbrecherbande, deren Nutzniesser sie waren, zu glauben. Die stumpfen, unfähigen Gesellen hatten nun die sogenannte ‘Lösung der Judenfrage’ durchzuführen, sie hatten also, so sinnlos die Sache ideologisch war, einen konkreten Arbeitsplan durchzuführen. In der ersten Phase war es eben die sogenannte Auswanderungsaktion. Später bildete die Regelung des jüdischen Lebens - als die Juden immer mehr und mehr aus dem Rahmen des normalen Staatslebens durch die gesamte Gesetzgebung herausfielen - eine Art Staat im Staate.
Diese Auswanderungsaktion, resp. später die Regelung des jüdischen Lebens, musste also irgendwie durchgeführt werden. Und nachdem die Gestapo-Kreaturen selber unfähig waren und sie, besonders später, auch zahlenmässig nicht alles selber tun konnten, mussten sie die Durchführung zum grossen Teil den Juden selbst überlassen. Sie brauchten also im gewissen Sinne den überlegenen Untermenschen und wenn dieser genügend intelligent war, um hinter der
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offiziellen Machtposition der Nazis ihre Unfähigkeit und Schwäche zu durchschauen, so hatte er psychologisch über sie seine Macht gewonnen. Und nun kommt das Wesentliche: es hing vollkommen vom Charakter des Einzelnen ab, ob er diese Maschine zu seinem Vorteil oder zum Vorteil der Gemeinschaft verwendete. Leider war in den meisten Fällen das erstere üblich. Und so sehr hatte sich die breite Masse daran gewöhnt, in einem führenden Menschen ihrer unterdrückten Volksgemeinschaft einen Verräter oder Schwächling zu vermuten, dass die wenigen wirklich starken und kämpferischen Naturen leicht unter der gleichen Perspektive gesehen wurden. Es ist, wie z.B. auf dem Gebiete mancher Geisteswissenschaften, die oft durch falsche Propheten oder Scharlatane so kompromittiert sind, dass jener, der wirklich die Wahrheit sucht, gegen einen Wald von Vorurteilen anzukämpfen hat. (z.B. auch auf dem Gebiet der Parapsychologie).
In den Gefängnissen und Konzentrationslagern haben wir das gleiche täglich erlebt. Immer waren es Menschen, die, organisatorisch oder z.B. ärztlich besonders begabt, an führenden Positionen der Selbstverwaltung standen. Z.B. waren es die Kapos, die Block- und Lagerältesten, die oft ihre Machtpositionen in bekannter schändlicher Weise für ihre Person und ihre nächste Clique ausnützten. Andererseits haben politische Häftlinge ihr Leben meist der grossartigen illegalen Organisation zu verdanken, die Leute von besonderer Begabung und von besonderer moralischer Kraft an führender Stelle hatte, die sich völlig in den Dienst der Rettung ihrer Kameraden und Genossen stellten.
Das Problem des Repräsentanten eines unterdrückten Volkes unter faschistischer Herrschaft hat in wunderbarer Weise John Steinbeck in seinem Roman ‘Mondlose Nächte’ erfasst. Er schildert die Besetzung Norwegens und beschreibt, wie die Nazis den alten Bürgermeister der Stadt, einen offenen Feind ihres Systems, der bei der Durchführung ihrer Pläne die grössten Schwierigkeiten macht, zwingen, auf seinem Platze auszuharren, auch um den Preis grosser Konzessionen. Sie brauchen ihn, weil er den Apparat beherrscht, weil er populär ist und das Vertrauen seiner Mitbürger geniesst. Denn das war ein weiteres teuflisches Moment in der Praxis der Nazis,
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dass sie die Popularität, selbst des Feindes, ausnützen wollten, allerdings zu einer Zeit, wo ihnen in gewissem Masse nach an der Meinung der Öffentlichkeit gelegen war. In den letzten blutigen Jahren aber liessen sie jede Maske fallen; um diese Zeit brauchten sie tatsächlich nur noch Exekutiv-Organe. Der bereits erwähnte norwegische Bürgermeister, dessen Haus das Zentrum der illegalen Abwehrbewegung ist, muss an seinem Platze verharren, trotz wiederholter Bitten um Demission, und wird erst in der letzten Phase des Romans erschossen. - Das Buch hat mich tief erschüttert, denn es schildert das gleiche Leben, wie das aus nächster Nähe miterlebte, von dem ich hier berichte.
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Prag
Als am 15. März 1939 die Deutschen die Czechoslowakei besetzten, war die Situation hier eine wesentlich andere als in Wien. Dort war der grösste Teil der Juden völlig in das Leben des gesamten czechischen Volkes eingegangen und hatte keine Beziehung zu einem zentralen jüdischen Verwaltungsorgan. Die Kultusgemeinde Prag war ein kleines, ziemlich unbekanntes Amt und ein grosser Teil der jüdischen Bevölkerung suchte die Kultusgemeinde zum ersten Mal im Leben erst während dieser Besetzungszeit auf. Dementsprechend hatten auch die Beamten dort kleine bescheidene Existenzen, die mehr aus Neigung nach einem ruhigen, beschaulichen Leben - wie manche später selber sagten! - als aus dem Wunsche, politisch tätig sein zu wollen, das Amt eines Kultusbeamten übernommen hatten. Der offizielle damalige Vertreter des Prager Judentums und Leiter der Kultusgemeinde, Dr. Emil Kafka, weilte zur Zeit der Besetzung gerade im Ausland und kam dann begreiflicherweise nicht mehr nach Prag zurück. Sein erster Sekretär, Dr. Franz Weidmann, und seine Mitarbeiter wurden so automatisch zu den Leitern der Kultusgemeinde. (Zionistische Organisation und Palästina Amt: Dr. Franz Friedmann und Jakob Edelstein).
Dr. Weidmann war ein guter Jude, ein ehrlicher, anständiger, pflichtgetreuer Beamter, nicht sehr willensstark
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stark beeinflussbar, eher ängstlich als mutig, selbstbewusst und keinesfalls dem ungeheueren Druck gewachsen, den die veränderte Situation ihm jetzt auferlegte. Ratlosigkeit und Chaos beherrschten die Kultusgemeinde, die nun einem speziellen Amt der Gestapo unterstellt wurde. Die Einrichtung eines Amtes für Auswanderung wurde auch hier angeordnet, dessen Durchführung und Organisation aber nicht vonstatten ging. Um aus den Erfahrungen der Leidensgenossen in Wien zu lernen, fuhren Prager Beamte dorthin. Aber auch nach ihrer Rückkehr änderte sich die Situation in Prag kaum.
Um die Sache in Gang zu bringen, wurde dann Richard Friedmann als ‘Berater’ in Fragen der Auswanderungsaktion für wenige Tage, im August 1939, nach Prag beordert. Es würde zu weit führen, eine eingehende Analyse der Mentalität der czeschichen Juden an dieser Stelle durchzuführen. Gewiss lag es daran, dass die Juden in Prag, im Gegensatz zu Wien, die Solidarität der einheimischen Bevölkerung spürten, denn fast das gesamte czechische Volk sah selbstverständlich in den deutschen Okkupanten den gemeinsamen Feind; vielleicht war es auch der Umstand, dass der deutsche Faschismus in Prag in den ersten Tagen und Wochen sich weniger dramatisch in Scene setzte wie in Deutschland und Wien; wahrscheinlich war auch die Mentalität der czechischen Juden an und für sich eine andere als die der Wiener - die meisten waren seit Generationen dort ansässig und stark verbürgerlicht, während die Wiener Juden grösstenteils kaum vor einer Generation aus dem Osten gekommen waren, die Zeit der Verfolgung noch lebhaft in ihrer Erinnerung - jedenfalls ergab es sich, dass Richard Friedmann in den ersten Tagen seines Aufenthaltes in Prag sich in einer völlig fremden, verständnislosen Welt befand. Zwei Welten standen sich sozusagen gegenüber.
Im Sinne der Wiener Erfahrungen und des Wiener Programms, gesteigert durch die unruhige Zeit und die Nähe des bevorstehenden Krieges - August 1939! - stürzte sich Friedmann geradezu auf die Durchführung einer Auswanderungsaktion, um in der kürzesten Zeit die möglichst grösste Anzahl von Menschen ins Ausland zu befördern. Darauf
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antwortete die sogenannte öffentliche jüdische Meinung und dementsprechend auch ihre Vertreter in Prag mit der grössten Trägheit, auch mit dem grössten Unwillen. Die meisten sprachen offen darüber, dass sie überzeugt seien, dass die Deutschen in der Czechosolvakei nicht so energisch vorgehen würden und dass ja der Krieg vor der Tür stände und es nur eine Frage von “Wochen” sei, bis die Nazis vernichtet wären. Einer solchen Mentalität stand Friendmann in Grunde verzweifelt und ratlos gegenüber. Mit geradezu brutaler Offenheit erklärte er, er halte derartige Argumente für Unsinn, jeder normale Mensch müsse sich über die Ausmasse des kommenden Krieges klar sein, dürfe sich nicht über die Wucht der deutschen Kriegsmachinerie täuschen, er selbst rechne mit einer Auseinandersetzung von Jahren. Er sagte wörtlich, er halte sieben Jahre Krieg für möglich. Auch versuchte er den Menschen klar zu machen, wessen der Faschismus fähig sei, besonders - und das sah er klar voraus - “wenn es ihm am Ende schlecht gehen werde”, wovon er selbstverständlich vom ersten Augensblick an überzeugt war. Für Gaskammern und Treblinka reichte damals allerdings seine Phantasie noch nicht aus.
Es gab unzählige Leute, die im Besitze von Auswanderungsmöglichkeiten, ihn um Rat fragen kamen, ob es denn noch dafür stände, auszuwandern. Solchen Menschen sagte er ungefähr wörtlich:
“Für mich gibt es nur einen Standpunkt: Hinaus um jeden Preis. Sie hängen an Ihrem Kram, an Ihrer Wohnung, an Ihrer Existenz und werden im besten Falle am Ende dieses Krieges das Leben gerettet haben. In dieser Zeit aber werden Sie draussen wahrscheinlich sich eine neue Existenz haben gründen können”.
Es ist begreiflich, dass derartige Wahrheiten, die den Menschen vor die Alternative stellte, seine Ruhe und Bequemlichkeit aufzugeben, nicht angenehm empfunden wurden. Man reagierte mit Abwehr, mit Misstrauen und war schliesslich geneigt, ihren Verkünder eher der Unwahrheit und des bösen Willens zu bezichtigen, um sich seine Sorglosigkeit zu erhalten. (Dieses traurige Schauspiel von Herzensträgheit wiederholte sich übrigens bis in die letzte Zeit; schliesslich glaubten die wenigsten an die Gaskammern und ähnliche Greuel, als schon alle Anzeichen dafür sprachen. Man belog sich selbst, um sich die schrecklichen
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Wahrheiten vom Leibe zu halten).
In dieser Zeit lernte ich Friedmann kennen und muss einige persönliche Eindrücke schildern, die die Situation vielleicht beleuchten werden. Bei unserem ersten Zusammentreffen geriet ich mit ihm in den heftigsten Streit. Er erzählte mir von den Greueln in Wien und von der dortigen jüdischen Arbeit. Aus seinem ganzen Wesen sprach fanatischer Hass und Verachtung für das deutsche Volk im allgemeinen, von einer Intensität, wie ich sie nie vorher erlebt hatte und darüber hinaus - wie mir damals schien - ein geradezu krankhaftes jüdisches Selbstbewusstsein und eine Überheblichkeit, wie ich sie ebenfalls bisher nie erlebt hatte.
In meiner damaligen Einstellung (September 1939) war ich empört über die Verdammung eines gesamten Volkes wie des deutschen und hielt meinerseits krankhaft and der Theorie der ‘verbrecherischen Clique’ fest, sah in Friedmann einen wilden, chauvinistischen jüdischen Nationalisten. Auch wir standen uns als zwei Welten gegenüber. Er hatte eben den deutschen Faschismus in so konzentrierter Form erlebt, dass er nach einem Jahr das wusste, wozu wir 6 Jahre brauchten. Wenn ich zu ihm von ‘einzelnen Verbrechern’ sprach, so sagte er, dass es die gleichen Menschen wären, mit denen er gespielt hätte, mit denen er in die Schule gegangen war und die jetzt ‘gemütlich’ im Prater sässen und noch auf Autos schössen, in denen bereits verhaftete Juden in die Gefängnisse transportiert wurden. Es waren endlose Debatten, in denen ich versuchte, seinen sogenannten ‘wilden’ Chauvinismus zu bekämpfen. Einmal sagte er: “Es mag sein, das seine Haltung wie die meine in normalen Zeiten übertrieben wäre. Aber ich brauche mein Selbstbewusstsein, brauche es in meinem Kampf gegen den Druck dieser Verbrecherbande”.
Wie grotesk erschien es mir und den wenigen Freunden, wenn menschliche Kurzsichtigkeit sich dazu verstieg, zu behaupten “er treibe die Menschen zur Auswanderung an wie die Nazis”. Empört berichteten wir ihm darüber und selber nicht ganz überzeugt von dem Pessimisums, der ihn in der Judenfrage beherrschte, rieten wir ihm, jeden doch nach seiner Facon leben zu lassen. Die Art, wie er auf die Verleumdungen und die ganze Situation
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reagierte, war einer der stärksten Eindrücke, die wir von diesem Menschen gewannen.
“Vielleicht haben die Leute am Ende recht, wenn sie nicht auswandern wollen, vielleicht bin ich längst nicht mehr objektiv und habe einen Wiener “Schock”. Doch ich kann und werde nichts anderes sagen als wovon ich überzeugt bin. Und wenn sie mir das übelnehmen, so verstehe ich es zum Teil, und es ist mir eigentlich gleichgültig- ich kann es in dieser Zeit nicht allen recht machen. Für mich gibt es längst nur eine Instanz und die ist mein eigenes Gewissen. - Übrigens habe ich keinen heisseren Wunsch, als dass die Prager Juden recht behalten und dass noch ihre Kinder und Kindeskinder erzählen mögen, wie ich ihnen das Leben sauer gemacht habe”, fügte er oft lachend hinzu.
Das Bewusstsein der Kraft und der absoluten Pflichterfüllung war so stark in ihm, das ser tatsächlich gegen jeden menschlichen Angriff und gegen jede Kleinlichkeit ganz gefeit war.
Barackenalger Nisko a. San .
Leider hatten diese Diskussionen nur kurze Zeit praktische Bedeutung. Am 1. September 1939 brach der Krieg aus und die Auswanderungsmöglichkeiten waren nun maximal eingeschränkt. Friedmann versuchte natürlich sämtliche Pässe, die nicht gerade ein englisches Visum hatten (z.B. nach Italien oder in andere neutral Länder, in die man kein Visum brauchte) von der Gestapo herauszubekommen. Auch dieser zähe Kampf, der tagelang dauerte, brachte nur teilweisen Erfolg. Die Pässe wurden mit einem ‘J’ als Judenpässe gezeichet, mit denen man nun auch nach Italien nicht mehr einreisen konnte. In diesen Tagen und Nächten standen vor seinen Büro in Prag, wie vorher in Wien, Schlangen von Menschen. - Doch nur die wenigsten kamen heraus. Seine Bemühungen, Menschen herauszubringen, hat er nie aufgegeben. Immer fand er noch irgendein Land, das sporadisch noch Menschen aufnahm, bis tatsächlich fast die ganze Welt im Kriege und von einander abgesperrt war.
Frau Hanna Steiner, die die Auswanderungsabteilung in Prag leitete, charakterisierte gelegentlich die Einstellung
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Friendmanns folgendermassen: “Wenn die ganze Welt bereits im Kriege steht, wird sich Richard seelenruhig darauf berufen, dass ja an der Erforschung des Mars gearbeitet wird. Ich glaube, er wird sich nie geschlagen geben”.
Bereits in Oktober 1939 wurde Friendmanns Tätigkeit in Prag unterbrochen durch eine Episode, die als das erste Anzeichen der späteren Katastrophe anzusehen ist. Wir wissen heute nur zu gut, in welcher Weise die Juden schon damals in Polen gequält und gemordet wurden; doch nach Mitteleuropa drangen diese Nachrichten nur als schauriges Märchen und wurden kaum geglaubt. Im Oktober 1939 nun wurden das erste Mal Juden aus Wien und aus der Czechoslovakei nach dem Osten transportiert. Ein sogenannter Arbeitertransport, nur aus Männern bestehend, wurde von Mährisch-Ostrau abgefertigt und Richard Friedmann und Jakob Edelstein wurden sozusagen als ‘Funktionäre’ mitgeschickt. Die Hintergründe dieser Aktion sind nie völlig klar geworden. Friedmann und Edelstein entnahmen den damaligen Gesprächen mit dem berüchtigen SS-Mann Eichmann, dem Spezialisten in Judenfragen, folgendes: Unter der Voraussetzung, dass Gebiete in Polen zwischen Bug und San, in denen der Krieg stark getobt hatte, entvölkert seien, wollte er die Juden als ‘Puffer’ in dieser Gegend ansiedeln, da sich gerade dort die Grenze zwischen deutschem Territorium und der Sowiet-Union befand. So schickte er arbeitsfähige Männer dorthin, um Baracken zu errichten, die später der nachkommenden jüdischen Bevölerung als Unterkunft dienen sollten.
Auf der Reise nach Nisko wurde Friedmann von dem SS-Mann Dresel fast die ganze Zeit körperlich misshandelt. Die ersten Tage in Nisko waren voll der schwersten Strapazen. Man lebte im freien Walde, und in diesen eiskalten Nächten, in Schnee und Schlamm, entstand die Freundschaft zwischen Friedmann und Jakob Edelstein, die, so banal es klingt, bis zu ihrem fast gleichen Tode währte.
Binnen kurzem herrschte in dem Lager ein gesunder Kollektivgeist. Es wurden ein paar Baracken erstellt, und die Ärzte des Transportes - durch ihre Tätigkeit bei der umliegenden Bauernschaft - konnten fast für die ganze Gemeinschaft genügend Lebensmittel bekommen. Richard Friedmann gelang es, einen wachthabenden SS-Mann dazu zu bewegen, ihn in einen Wagen in die Stadt Lublin zu bringen, wo sich
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das erste grössere Amt der Gestapo befand. Er versuchte, die dortige SS-Beamtenschaft davon zu überzeugen, dass die Aktion unter falschen Voraussetzungen unternommen worden war, die dortige Gegend keineswegs entvölkert sei, im Gegenteil, die einheimsche Bevölkerung gegen den Zuzug neuer Menschen rebelliere, sich in ihrer eigenen Existenz infolge der Kriesgsschäden bedroht fühle. Aus Akten, die später nach Wien gegangen sein sollen und vielleicht auch heute noch dort vorhanden sind, soll man klar entnehmen können, dass das Lubliner Gestapo-Amt mit Berlin verhandelte, man wohl annehman kann, dass die Fortsetzung der Aktion aufgrund dieser Verhandlungen eingestellt wurde.
Von den in Nisko konzentrierten Juden ging ein Teil über die Grenze nach der Sowiet-Union, die anderen kehrten wieder in ‘Protektorat’ zurück. Einer der ersten von ihnen war Jakob Edelstein. Auf seine Initiative wurde dann offiziell bei der sogenannten übergordnten Behörde ein Gesuch eingereicht, in dem Richard Friedmann als Mitarbeiter für die Gemeinde Prag angefordert wurde, mit dem Hinweis, dass er in in Prag in dieser Zeit dringender notwendig sei als in Wien.
Richard Friedmann kehrte von Nisko in Dezember 1939 zurück. Von da an begann seine reguläre Tätigkeit im Rahmen der Kultusgemeinde in Prag. Sein Aufgabenkreis lässt sich am besten schematisch folgendermassen einteilen:
Vertretung nach aussen:
Es gab in Prag zwei Ämter der Geheimen Staatspolizei, die sich separat mit der Judenfrage beschäftigen. Das erste war die sogenannte “Zentralstelle für jüdische Auswanderung”, ein Amt, das sich ausschliesslich mit Juden befasste, u.a. mit der Überwachung ihres zivilen Lebens, eine Überwachung, die sich mit der Zeit bis in die kleinsten, geradezu groteskesten, Details in das Leben des Einzelnen mengte.
Das zweite Amt, die übliche, berüchtigte Gestapo, die überall, wo der Faschismus seinen Stiefel hingesetzt hatte, die Völker mit Angst und Grauen erfüllte, hatte ebenfalls ein Judenreferat. Diese Abteilung verhaftete die Juden. Ausserdem beschäftigten sich sämtliche anderen Abteilungen der Gestapo ebenfalls mit jüdischen Belangen, so z.B. die kommunistische Abteilung für Sabotage etc.
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1) Zentralstelle für jüdische Auswanderung
Wie wir schon vorher erwähnten, war eine Auswanderungsaktion nach Ausbruch des Krieges im Grunde nicht mehr durchführbar. Die Beibehaltung des Namens “Zentralstelle für jüdische Auswanderung” war ein Symbol für die verlogene und plumpe Praxis, hinter der sich nichts anderes als gemeiner Raub der Güter verbarg. Lüge und feige Heuchelei waren das Leitmotiv bei allem Tun der Nazibanden, selbst ihre plumpesten und offensichtlichsten Verbrechen tarnten sie mit einem Mäntelchen von Recht. Obwohl also nun eine Auswanderung praktisch unmöglich war, wurden täglich ungefähr 50 Personen zur sogenannten ‘Mappenausfüllung’ vorgeladen, und es spielte sich das groteske Schauspiel ab, dass diese Massen von Menschen die Gesuche um Auswanderung abgeben, alle Formalitäten erfüllen mussten, ohne dass das Reiseziel auch nur angegeben wurde, geschweige ein Visum vorlag. Diese lächerliche Komödie wurde in Gang gesetzt, weil auf diese Weise der ‘Auswanderer’ ‘freiwillig’ sein bewegliches und unbewegliches Gut der Zentralstelle für jüdische Auswanderung zu übergeben hatte. Doch diese Komödie hatte auch noch einen anderen Zweck. Die Tätigkeit einer Horde von SS-Männern, die in Kampfe gegen ‘den inneren Feind’ täglich fetter wurden und sich so dem Kampfe an der Front entziehen konnte, musste auch begründet werden. Da das gleiche Interesse die ganze Bande, bis hinauf zu Himmler, beherrschte, belogen sie sich auch gegenseitig in ebenso grotesker Weise und nahmen sich stillschweigend gegenseitig ernst. Es wanderten wöchentlich und monatlich Riesenstatistiken mit wunderbaren Ziffern und Zeichnungen über die mit Volldampf verlaufende Auswanderungsaktion nach Berlin und in regelmässigen Zeitabständen prangte dafür ein breiter Orden auf der heldenhaften Brust des Oberstrumführers Günther und seiner Mitarbeiter. Auf diese legale Weise ‘erwarb’ die Zentralstelle zuerst die Häuser, dann später durch besonders Gesetz die Pelze, den Schumuck und schliesslich auch die Hunde, Katzen und Singvögel (das ist kein Witz!) aus dem Besitze der Juden. Richard Friedmann - und das gleiche gilt für Edelstein und Weidmann, denn der Gestapo gegenüber blideten alle drei eine absolute unzertrennliche Einheit - durchschaute natürlich diese ganze lächerliche Komödie und liess auch ‘die Herren von der Gestapo’ nie im Zweifel darüber, dass er sie durchschaute. Seine Ein-
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stellung war: solange sich diese Komödie auf die materiellen Güter der Meschen bezog, ihre momentane Existenz nicht gefährdet war, betrachtete er diesen Zustand als erträglich. Als wichtigste Funktion der Leitung der Kultusgemeinde erachtete er ihre sogenannte ‘Puffer-Wirkung’, d.h. der gesamte Betrieb - und vor allem die gesamte Verantwortung - konzentrierte sich gewollt und bewusst der Gestapo gegenüber in den Händen der Leitung. Sämtliche Aufträge empfing die Leitung direkt und persönlich von den Organen der Gestapo; die Durchführung ging natürlich kollektiv in dem ungeheuer angewachsenen Apparat der Kultusgemeinde vor sich, für das Resultat jedoch war wieder einzig und allein die Leitung verantwortlich.
Richard Friedmann heilt streng darauf, dass die Gestapo im allgemeinen nicht wusste, wer die einzelnen Arbeiten durchführte. Ihm war daran gelegen, dass man praktisch ausser ihm selbst, Edelstein und Weidmann niemanden kannte und niemand anderes in irgendeiner Weise zur Verantwortung gezogen werden konnte. Er vertrat den richtigen und auch in all den Jahren bewährten Standpunkt, dass die Gestapo jede Reklamation, deren es täglich welche gab, je nach Laune mehr oder weniger brutal, mit der Leitung ausfechten würde, ohne zu ernsten Massnahmen wie Verhaftung und Deportation zu greifen, dagegen weniger exponierte Beamte in dieser Richtung viel gefährdeter waren. In all den Jahren ist es niemals vorgekommen - und das können alle überlebenden Mitarbeiter der Prager und Wiener Kultusgemeinde bestätigen, dass irgend ein Leiter einer Unterabteilung von der Gestapo zur Verantwortung gezogen wurde - mit Ausnahme von Dr. Franz Friedmann, der selbst für die Gestapo eine Autorität darstellte und direkt mit ihr verhandelte. (Zu erwähnen ist an dieser Stelle der tragische Tod von Dr. Hans Bonn und Emil Kafka, die in den ersten Heydrich-Tagen unter dem Vorwand, dass ihre Abteilung die Registrierungen sabotiert hätte, verhaftet wurden und drei Wochen später im Konzentrationslager Mauthausen ums Leben kamen - als Vorspiel zu der grausigen Periode der Transporte).
Die Haltung Richard Friedmanns der Gestapo gegenüber habe ich bereits charakterisiert. Er war schlafertig, mutig, selbstbewusst und vor allem furchtlos. Seine Furchtlosigkeit trug er nicht nur in seiner ganzen Haltung zur sachau, sondern hielt sie ihr auch bei jeder Gelegenheit vor. Ungefähr wört-
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lich wiederholte er stereotyp auf jede Drohung:
“Mich können Sie mit ‘Konzentrationslager’ nicht mehr schrecken. Das ist mein Berufs-Risiko seit ich mit Ihnen zu tun habe. Für mich rechne ich damit und sonst gibt es niemanden im Bereiche Ihrer Macht, für den ich zu fürchten habe”.
Und das waren keine leeren Worte. Eine der Voraussetzungen seiner Ruhe und seiner Sicherheit war die Tatsache, dass er persönlich wirklich furchtlos war und niemanden in Europa hatte, um den er fürchten musste. Seine einzige Schwester war bereits im Jahre 1937 nach England ausgewandert. Seine spätere Freundschaft mit mir nannte er in seiner humorvollen Art einen ‘Betriebsunfall’ und war streng darauf bedacht, dass niemand und niemals die Gestapo eine Ahnung bekäme, dass er persönliche Bindungen hätte. Wie durchdacht und konsequent sein Denken und Handeln war, beweist die Tatsache, dass sein jahrelanger Ausspruch
‘Ich brauche keine Geiseln’
sich in der unglaublichen Tatsache meiner Existenz spiegelt. Ich bin der einzige Mensch aus diesem Kreise, der am Leben geblieben ist, und dies ist nicht anders zu erklären, als dass seine völlige Unabhängigkeit so bekannt und so oft in eklatantester Weise betont wurde, dass schliesslich in Berlin das Todesurteil namentlich nur auf ihn ausgestellt wurde, und von dem deutschen sturen Amstsschimmel streng durchgeführt worden ist, obwohl ich mit dem gleichen Transport in Auschwitz ankam.
Grybdkegend war, dass der Druck, der sich so auf die Leitung der Kultusgemeinde konzentrierte, tatsächlich von dieser aufgefangen wurde.
Eines der wichtigsten und grundlegendsten Prinzipien Richard Friendmanns war es - das er strengstens und in idealer Weise durchführte und das er auch von dem ganzen Kreise seiner Mitarbeiter verlangte, niemals nach unten zu drücken. Er arbeitete selbst unermüdlich, wenn es notwendig war, kannte er weder Tag noch Nacht. Ein jeder Mitarbeiter der Kultusgemeinde Prag wusste, dass er in den meisten Fällen das Büro vor Mitternacht nicht verliess, besonders wenn Menschen auf ihn warteten, um ihm ihre kleineren und grossen Sorgen zu über-
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geben. Dementsprechend verlange er aber oft auch von manchen Abteilungen eine erhöhte Arbeitsleistung. Doch in jedem Falle erging die Aufforderung zu dieser Arbeit in freundschaftlichster, kameradschaftlichster Weise und vor allem in absolut kollektivem Geiste. Es war ein durchaus gemeinsames Werk, an dem er und die Mitarbeiter arbeiteten und niemals lastete der Druck der Gestapo auf dem einzelnen Beamten. Unzählig bekannt sind die Fälle, wo die Gestapo mit den üblichen Drohungen von Haft und Totschlag iregendeinem Bericht oder eine Statistik in einem lächerlich kurzen Zeitraum verlangte. Immer war es Friendmann persönlich, resp. Edelstein und Weidmann, die um jede Stunde, oder unter den dramatischsten Verhältnissen kämpften. (Brüllen und ständiges Drohen mit Verhaftung waren das geringste, machten tatsächlich auch keinen weiteren Eindruck mehr!). Niemals hörte ein Arbeitskollege des Ausspruch: “Wenn es um diese Zeit nicht fertig ist, werden wir zur Verantwortung gezogen”. Verhandlungen mit der Gestapo und Verantwortung der Gestapo gegenüber waren prinzipiell einzig und allein nur Sache der leitenden Beamten.
Sein herzliches und kameradschaftliches Verhältnis zu jedem Mitarbeiter war sprichwörtlich, vom Portier über die Telefonistinnen, die allerdings unter ständing drei funktionierenden Telefonen in seinem Büro ein recht schweres Dasein hatte. Sein ganzes Wesen war an und für sich herzlich, humorvoll und warm, doch ausserdem war es Schulung, strenge Selbstdisziplin, die sich in seinem Verhältnis zu den Mitarbeitern ausdrückte.
Er wiederholte immer wieder im Kreise seiner Freunde und Mitarbeiter:
“Wir, die wir mit der Gestapo-Bande zu tun haben, müssen besonders vorsichtig sein, um nicht vielleicht unbewusst die gar zu bequemen Methoden des ‘Herenvolkes’ gegenüber einem Untergebenen auch nur in der leisesten Form anzuwenden. Und vor allem - und das betone er immer wieder - darf niemals einer unserer Mitarbeiter aus unserem Munde eine Drohung der Gestapo zu hören bekommen”.
Konkreter Aufgabenkreis
Wie ich schon erwähnte, fiel mit der Zeit das gesamte Leben der Juden aus dem normalen Rahmen und die Verwal-
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tung und Regelung des Lebens besorgte die Kultusgemeinde als eine Art Staat im Staate.
Finanzierung der grossen Massen von Besitzlosen, Wohnungsfrage, Schulwesen, Spitäler und ärztlicher Dienst, Reisen innerhalb des Landes, später sogar die Fahrt mit der Elektrischen und tausend andere Kleinigkeiten unterstanden direkt dem Verwaltungsapparat der Kultusgemeinde.
Jede einzelne Verordnung diente selbstverständlich dem Zweck, das Leben so unerträglich als möglich zu gestalten, und es war nun Aufgabe der Kultusgemeinde, das Äusserste aus der Situation herauszuholen. Dies war natürlich nur durch ständiges und systematisches Hintergehen der SS-Behörden zu erzielen.
Soziale Fürsorge.
Eine der wichtigsten Pflichten war die Erkämpfung des Budgets. Aus den konfiszierten Geldern des jüdischen Vermögens erhielt die ‘Zentralstelle’ sozusagen den Apparat der Kultusgemeinde, doch waren das natürlich variable Summen, je nach den geänderten Verhältnissen. Die Kultusgemeinde musste sozusagen begründen, was sie brauche und hatte in all den Jahren um jeden einzelnen Posten erbitterte Kämpfe mit der Gestapo zu führen. Selbstverständlich musste bei der Gestapo der Eindruck erweckt warden, dass die Gelder zum grössten Teile für die Regie der für sie arbeitenden Abteilungen benötigt wurden - wie Statistik, Zeichenstuben etc. etc. - und dass die soziale Fürsorge des jüdischen Menschen an letzter Stelle stand. Dr. Franz Friendmann war sozusagen der ‘Finanzminister’ in diesem unheimlichen Staatswesen und war ein Meister darin, jede Vorlage im grossmöglichsten Ausmasse zu tarnen und zu fälschen. Der Kampf um das Geld, der meist einem Kuhhandel glich, wurde dann gemeinsam von Dr. Franz Friedmann mit Richard Friedmann, resp. Edelstein und Weidmann ausgetragen. Es gehörte zu den oft erzählten Erinnerungen der Genannten, wie sie im Jahre 1939 um die ersten Kc 10.000.- bei der Gestapo ansuchen mussten, während das Budget in späterer Zeit viele Millionen betrug.
Die soziale Fürsorge wurde für die gegebenen Verhältnisse bestens ausgebaut. Die sogenannte Volksküche, die anfangs
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miserable war, war in den Jahren 1940 und 1941 besser als die sogenannte Mittelstandsküche, die man für Beamte und Zahlende eingerichtet hatte. Dort bekam man nämlich nur Speisen gegen Lebensmittelkarten, während die Volksküche, als Instituion der Kultusgemeinde, eigene Zuteilungen hatte - offiziell aus ‘Anlagen’ der Kultusgemeinde, wie Gemüsegärten und dergl., in Wirklichkeit aber zum Teil aus mit schwarzen Geldern besorgten Lebensmitteln. Dank der Hilfe der czechischen Behörden und der guten Beziehungen Dr. Franz Friedmanns zu denselben, gelang es nach geschickter Intervention bei der Gestapo, der ‘klar gemacht’ wude, dass man auf diese Weise den Fonds der Zentralstelle entlaste, die Bewilligung zu erhalten. Dass manche sozial unterstützen Juden, aus den Sperrkonten der Reichen montlich eine Summe von ungefähr Kc.1.000.- bis Kc 1.500.- beheben konnten.
Schulwesen
Eine der grössten Leistungen war die Tarnung des gesamten Schulwesens. Laut einer Verordnung der deutschen Behörde waren jüdische Kinder aus öffentlichen Schulen ausgeschlossen; jüdische Schulen dagegen durften nicht eröffnet werden. Unter der Flagge “Abteilung für ‘Umschulung’ zwecks Auswanderung” erhielten Tausende von Kindern und Jugendlichen zum Teil eine praktische, aber auch die ihrem Alter entsprechende theoretische Schulausbildung. Prof. Maximilian Adler, von dem man im internen Kreise wusste, dass er eigentlich der “Direktor der grössten Schule aller Zeiten” war, regelte den Unterricht für einige tausend Kinder und organisierte und überwachte die Lehrtätigkeit in ausgezeichneter und aufopferndster Weise. Die Verantwortung für diesen gross angelegen Schwindel trug natürlich, wie für alles andere, die Kultusgemeinde.
Krankenfürsorge
Die Juden waren aus sämtlichen öffentlichen Heilanstalten ausgeschlossen, aber die Kultusgemeinde unterhielt eigene Spitäler und ihren eigenen ärztlichen Diesnt für unbemittelte Kranke. Fast sämtliche jüdische Ärzte waren in diesen Gesundheitapparat eingebaut. Über das
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Ausmass der Versorgung mit Heilmitteln durfte die Gestapo selbstverständlich niemals etwas erfahren.
Es versteht sich von selbst, dass jede Reisebewilligung für den Einzelnen unter falschen Angaben und auch dann noch mit ermüdenden Interventionen erkämpft werden musste. Als die Elektrische für Juden verboten wurde, durften nach Intervention nur “Kranke oder in der Kultusgemeinde Beschäftigte” Ausweise erhalten. Aber mit Hilfe der czechischen Behörden, die in jeder Situation gerne bereit waren, zu helfen, gelang es auch diesmal, das Verbot in eine Farce umzuwandeln. Die humorvollen Tram-Schaffner in Prag meinten, dass noch nie so viele Juden mit der Elektrischen gefahren seien, wie nach diesem Verbot. Ein Teil der Juden war nun einfach ‘krank’ und weitere Tausende machten ‘gelegentliche Aushilfsarbeiten’.
So etwa sah der Betrieb von innen aus, der Aussenwelt gegenüber präsentierte er sich natürlich, wie Friedmann es nannte, als ‘Politik des kleineren Übels’. Mit Einsatz der ganzen Persönlichkeit und in ständigem, aufreibenden, kleinlichen Kampfe geland es natürlich, allgemeine und persönliche Erleichterungen zu schaffen. Und trotzdem war es ein übles Leben, das die Menschen in dieser Zeit führten, nur wussten sie nicht, was sich hinter den Kulissen abspielte und dass das Leben auch noch viel übler hätte sein können, als es tatsächlich war.
Ich möchte die Situation durch ein Beispiel illustrieren:
In eine der schwierigsten Lagen gegenüber den Menschen, deren Interessen sie vertraten, kam die Leitung der Kultusgemeinde zur Zeit der sogenannten ‘Häuser-Aktion’. Auf Anordnung der Gestapo hatte der immobile Besitz in iregendeiner ‘legalen Form’ in den Besitz der Zentralstelle überführt zu werden. Richard Friedmann hatte in Grunde kein Verständnis für diese Tragödie, er sah darin nichts als eine lächerliche Farce. Er sagte wörtlich, dass von allen Gütern, die die Nazis an sich rissen, sie Häuser und Grundstücke wohl kaum verschleppen könnten und dass jede Unterschrift, jeder Vertag ungültig sein müsse, würde doch jedem normalen Menschen einleuchten. Dem Prinzip treu, möglichst
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jeden direkten Kontakt der Gestapo mit Privatpersonen einzuschränken, lud die Gemeinde die Leute vor, um die Formalitäten mit ihnen durchzuführen. Die meisten nahmen die Sache unverhältnismässig tragisch, - der formale Verlust des Hauses schien ihnen der Zusammenbruch der Existenz. (Selbst ein ‘Herr Minister’, der schon längst wieder in seinem Hause wohnt, machte aus der Angelegenheit eine Tragödie).
Wie schwer war es in solchen Situationen, jemandem einen anderen Standpunkt beizubringen, und vor allem, wie unmöglich war es, dem Betreffenden klar zu machen, dass die Gestapo vor nichts zurückschrecken, eine Vezögerung als Sabotage, resp. ‘staatsfeindliche Handlung’ ansehen würde. Diese Tatsche konnte ja nicht einmal als solche über die Lippen gebracht werden, denn, wenn es auch noch so vorsichtig formuliert wurde, war es ja nichts anderes als eine indirekte Drohung, die man aussprach.
Es ist eine allgemeine Tatsche, dass der Durchschnittsmensch, der nicht die wahre Ursache erkennt, den Schuldigen in dem Mittler sieht, mit dem er verhandelt. In solcher Zeit der Rechtlosigkeit war dies natürlich noch verstärkt der Fall. Diesen Zustand charakterisierte der Direktor der Wiener Kultusgemeinde, Emil Engel, der vor seiner Ausreise nach Amerika noch einmal die Prager Juden besuchte, mit folgenden Worten:
“Wenn die Kultusgemeinden in dieser schweren Zeit nichts anderes getan hätten, als dass man auf sie ungestraft schimpfen konnte, so hätten sie damit auch schon einen Zweck erfüllt”.
2.) Geheime Staatspolizei:
Die Auflösung und Verwüstung eines jeden Familienkreises machte immer wieder einen erschütternden Eindruck. Die Betroffenen waren in dieser Situation meist am ruhigsten. Es gab verhältnismässig wenig hysterische Szenen, und erst wenn man selber an der Reihe war, verstand man die Freunde, die vorher so ruhig gewesen waren.
Richard Friedmann empfand es immer wieder als unheimlich, dass all diese Massen von Menschen - wenn man damals auch das Ausmass der Tragödie nicht erfasste! - so ruhig und diszipliniert, so ohne jede Abwehr, dieser Austreibung Folge leisteten. Er fragte sich immer wieder, und diese Frage beschäftigte und quälte ihm während der ganzen Zeit der Transporte, ob durch die administrative Hilfeleistung der Gemeinde dieser Prozess erleichtert wurde.
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Ohne jedes offizielle Pouvior, selbst ohne den offiziellen Titel eines Anwaltes, einizig und allein aufgrund der Autorität, die seine Person einflösste, erwab er sich das Vertrauen der gesamten Öffentlichkeit als erfolgreichster Anwalt und - so paradox es klingt - den Respekt der Bestien in Menschengestalt, die als Kommissare ihres ‘Amtes’ walteten.
In dieser Rolle des Anwaltes konnte er seine starken positiven Eigenschaften am offensten zur Geltung bringen. Er erzwang sich Respekt durch seine Schlagfertigkeit, seinen Geist und sein geschicktes Handhaben dieser ‘Gesetzgebung’. Er imponierte durch seinen Mut und bluffte gewissermassen mit seiner stolzen und überlegenen Haltung. Was jedoch seine Situation besonders günstig gestaltete und was ihm eine Überlegenheit über alle Berufsadvokaten in dieser Zeit verschaffte, war seine persönliche Uninteressiertheit und seine sprichwörtliche, bis ins groteske gesteigerte Unbestechlichkeit.
Während jeder Berufsadvokat sein Amt als Geschäft betrieb, wusste man von Friedmann, dass er einzig und allein als völlig uneigennütziger Vertreter seiner Gemeinschaft auftrat. Daher konnte er auch, ohne Prestige-Verlust, nach einer jeden Absage immer wieder aufs neue appelieren. Niemals handelte es sich um etwas Persönliches, für das er kämpfte oder um etwas, das seiner Person Vorteil bringen konnte.
Diese Unbestechlichkeit war einer der charakteristischsten Züge des Menschen Richard Friedmann. Sie wurde derart extreme durchgeführt, dass sie, wie ich sagte, unter normalen Verhältnissen grotesk erschienen wäre. Aber er war ein besserer Menschenkenner als alle anderen und wusste, dass alle Dinge besonders plump und geradezu geschmacklos aufgetragen werden mussten, um von den Nazi-Kreaturen begriffen zu werden. Es war bekannt, dass er von den Menschen, die ihn um Hilfe angingen - auch wenn es sich um alte Bekannte handelte - niemals eine Zigarette annahm. In all den Jahren wurde jede Bonboniere und jede Flasche Likör, die anlässlich von Feiertagen oder sonstigen Gelegenheiten ihm zugeschickt wurden, mit unzähligen Belegen: wie Dankbriefe an die Spender mit bei-
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gefügten Empfangsbestätigungen der Institutionen, an die Krankenhäuser, Waisen- und Alterscheime der Kultusgemeinde abgeliefert. Seine übliche Formel war:
“Ich hoffe, in Ihrem Sinne gehandelt zu haben” usw. usw.
Doch auf diesem Gebiet, der Vertretung in sogenannten Strafsachen, wurden die effektiv zu erzielenden Resultate leider geringer und geringer. Es gelang meist, Leute aus den Gefängnissen herauszubekommen, die wegen Übertretung der direkten Judengesetze in Haft waren. Es gelang, besonders später, zur Zeit der Transporte, verhaftete Juden, anstatt in die Konzentrationslager, nach dem Ghetto Theresienstadt verschickt zu bekommen. Damals betrachtete man eine solche Wendung noch als grosses Glück. Wie konnte man ahnen, dass auch dieser Weg letzten Endes einmal nach Auschwitz führte.
Was die politischen Häftlinge anbetraf, für die sich Friedmann in geradezu unbeschreiblicher Weise exponierte, war leider eine effektive Befreiung nicht zu erzielen, da die Erledigung dieser Fälle nicht in Prag, sondern meist an höheren Stellen durchgeführt wurde. Die örtliche ‘Gestapo’ behandelte bloss den Fall. Wieviel unaussprechliche Qual und Grauen sich hinter diesem Wort verbarg, werden heute hoffentlich alle Menschen in der ganzen Welt erfahren haben. Was Friedmann höchstens erzielen konnte, war die ev. Vermittlung von Nachrichten und im günstigsten Falle die Erlaubnis von Besuchen der nächsten Angehörigen, - doch was das in dieser Situation bedeutete, können nur die ermessen, die Gestapo-Haft erlebet haben.
Sein grösstes Verdienst in diesem Bereich war aber folgendes, und wenn dies für Fernstehende vielleicht nichts anderes als ein abstrakter Begriff bedeuten mag, so erfüllte es diejenigen, die in der Situation lebten, mit tiefster Dankbarkeit Richard Friedmann gegenüber: Er war für alle die, denen das grosse Unglück in dieser Zeit widerfahren war, ihre Nächsten in Gestapohaft zu wissen, die sichere und feste Instanz, der sie ihre ganze Sorge und die ganze Last ihrer Bedrückung aufbürden konnten. Jeder hatte das Gefühl, sich bei ihm in den allerbesten
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Händen zu befinden. Jeder dieser Menschen der - wenn auch nach stunden- und tagelangem Warten - die Möglichkeit hatte, mit ihm persönlich zu sprechen, verliess ihn mit dem sicheren Gefühl, alles für seinen Angehörigen getan zu haben, was unter den gegebenen Verhältnissen menschenmöglich war.
Er hatte eine wunderbare warme und menschliche Beziehung zu all diesen Menschen in ihrer Not, eine unglaubliche Ruhe, eine unerschütterliche Geduld. Für alle, die in ihrer Verzweiflung oft augenblicklich Rat und Hilfe suchten, war er in all den Jahren ausnahmslos bei Tag und Nacht telefonisch zu erreichen. Noch etwas trug zu dem besonderen Vertrauen bei, das er bei allen genoss. Er machte niemals leere Versprechungen; in einer menschlich mitfühlenden Art war er imstande, auch grausame Wahrheiten, wenn sie unabänderlich waren, mitzuteilen. Und wenn er einmal etwas Freudiges zu verkünden hatte, glaubte man ihm unbegrenzt. Er besass, wie er es selbst nannte, “den Mut zur Unpopularität”, der sich aber schliesslich als Quelle grösster Popularität erwies.
Ich möchte hier ein paar Beispiele geben:
Im Jahre 1940, als eine normale Auswanderung fast unmöglich war, gab es in Prag einen slowakischen Konsul, den man bestechen konnte und der Visa an Juden ausfolgte, ohne die notwendige Bewilligung der höheren Behörden. Friedmann führte selbst niemals derartige Verhandlungen, dazu war er zu bekannt und exponiert, doch fand er einen Mann, der den Konsul kannte und mit ihm verhandelte (Hajek). Friedmann besorgte zum Teil das Geld für die Visa, verhandelte mit den Leuten und besorgte auch die Auswanderungsbewilligungen der Gestapo, der er den Ursprung und die Art der Visa geschickt verschleierte. Eines Tages platzte die Geschichte am Konsulat, sowohl der Konsul als auch Herr Hajek wurden verhaftet. Im engsten Kreis um Friedmann herrschte Nervosität, und man rechnete mit Bestimmtheit, dass er am nächsten Tage ebenfalls verhaftet werden sollte. In dieser Situation tat Friedmann das Tollkühnste, das er tun konnte. Er ging am nächsten Morgen, scheinbar seelenruhig, zum Kommissar des Judenreferates, um für Hajek zu intervenieren, rechnete je-
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doch selbst damit, dass man ihn warscheinlich auch gleich dort behalten werde. Aber nichts dergleichen geschah. Hajek hielt sich gut, verriet niemanden und kam nach ungefähr 6 Wochen frei; der Konsul wurde in die Slowakei abgeschoben.
Dr. Salomon Liebens Fall.
Ich glaube, es ist nicht notwendig, viel über Dr. Salomon Lieben zu erzählen. Friedmann sagte oft, was man im Ausland vom Prager Judntum kenne, das sei die Altneuschul und Dr. Salomon Lieben. Er war für die Armen Prags, und nicht nur die armen Junden, sondern auch für die gesamte Bevölkerung des Stadtteils, in dem er lebte, eine legendäre Gestalt. Unermüdlich Tag und Nacht in dem elenden Wohnungen der Ärmsten der Armen, immer hilfreich, uneigennützig, bescheiden. Statt Honorare zu nehmen, brachte er Medikamente und oft auch Lebensmittel - so kannte ihn die Prager Bevölkerung. Der Arzt in der “Weissen Krankheit” von Karl Capek, wurde von dem Hauptdarsteller nach der Gestalt Dr. Salomon Liebens gespielt.
Eines Tages in April 1941, als gerade Friedmann und Edelstein in Holland weilten, wurde Dr. Salomon Leiben verhaftet. Nicht nur die Juden, fast die ganze Stadt war entsetzt. Als Friedmann aus Holland kam, war Dr. Lieben vom Prager Gefängnis in das Konzentrationslager “Kleine Festung” bei Theresienstadt überführt und sein Aktenstück nach Berlin weitergegeben worden. Das Motiv der Verhaftung war eines der groteskesten, das je vorgekommen war. In den Jahren vor der Besetzung Prags durch die Deutschen sammelten irgendwelche Leute Geld für die “Schwarze Front", die von Strasser, dem anfänglichen Freund und Mitarbeiter Hilters, gegründet worden war, der dann später in Streit mit ihm geriet. Dr. Salomon Lieben, ein ganz unpolitischer Mensch, ohne zu wissen, worum es sich handelte, spendete, als man in die Ordination um eine Spende kam - wie tausend andere - eine kleine Summe. Im Jahre 1941 fand man nun in einer Liste der Schwarzen Front den Namen Dr. Salomon Lieben und den eines anderen Prager Juden, Ing. Hirsch. So standen diese zwei Juden unter der ungeheuerlichen Anklage, Beziehungen zu der Schwarzen Front unterhalten zu haben.
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Richard Friedmann führte einen zähen, unermüdlichen, aufreibenden Kampf um die Person des Dr. Lieben. Täglich war er auf der Gestapo, führte alle Argumente ins Feld, die ihm zu Gebote standen, schilderte den Typ von Dr. Lieben, “der histroisch bleiben werde”, schilderte den Eindruck seiner Verhaftung auf die öffentliche Meinung etc. etc. Er stellte Dr. Lieben als den Typus des absolute unpolitischen, reinen Menschenfreundes hin, der, wie er der Gestapo zu erklären versuchte, “für eine Sammlung für verwaiste nationalsozialistische Kinder ebenso spenden würde, wie für jüdische Waisenkinder”. Der Kommissar schickte zusätzliche Berichte nach Berlin, in denen er die Situation für Dr. Lieben günstiger zu gestalten versuchte. Doch eines Tages kam der Bescheid und wie in jenen Tagen immer, lautete er negative. Dr. Lieben sollte in ein Konzentrationslager nach Deutschland weitergeschickt warden. Da gelang es Friedmann abermals, den Kommissar so stark zu beeinflussen, dass er etwas tat, was für die Mentalität und Praxis der Gestapo ungewöhnlich war; denn diese Kreaturen, so mutig und ‘heldisch’ sie gegenüber den wehrlosen Häftlingen sich gebärdeten, waren feige, willenlose und blinde Werkzeuge jedes ihnen übergeordneten Organs. Es hatte an sich keiner von ihnen den Mut, sich für einen Häftling, geschweige einen Juden, den Vorgesetzten gegenüber zu exponieren, selbst wenn sie persönlich eine andere Meinung hatten. Das teuflische an diesem System war eben, dass die Verbrecher, sozusagen ‘anonym’ an der Spitze sassen und einen ganzen Stab von blinden Exerkutiv-Organen hatten. Dennoch erzwang es Friedmann bei dem Prager Kommissar, den Bescheid nach Berlin zurück zu schicken und eine Revision des Urteils zu fordern, mit der Begründung, das seine Verurteilung Dr. Salomon Liebens einen unerträglichen ‘Prestige-Verlust’ für die Geheime Staatspolizei als Strafinstanz bedeuten würde.
In der Zwischenzeit bekam Dr. Lieben, gleichzeitig mit Ing. Hirsch, den Auftrag, zu packen und sich für den Transport bereit zu halten. Man wusste, was das bedeutete. Aber am nächsten Tag ging Ing. Hirsch allein ins Konzentrationslager nach Deutschland und Dr. Lieben blieb zurück. In einem Schwarzen Brief an seine Angehörigen schilderte Dr. Lieben die Lage. Er schrieb wörtlich:
“Entweder ist ein Wunder für mich geschehen, oder ich habe einen mächtigen Protektor”.
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Man atmete etwas auf und war glücklich über den momentanen Erfolg. Doch lassen sich die Tage der Spannung nicht beschreiben, die Friedmann durchlebte, bis zur Ankuft der Rückantwort aus Berlin. Nach einigen Wochen kam der Bescheid.
Dr. Lieben wäre ja nicht schuldig erklärt, hiess es. Er sei unschuldig und komme deshalb “nur in Schutzhaft” bis zum Ende des Krieges. Dr. Salomon Lieben kam ins Konzentrationslager Dachau. Nach einigen Monaten traf ein Telegramm mit seiner Todesnachricht ein. Er sei an einem Magen- und Darmkatarrh gestorben.
Ein weiterer instruktiver Fall war folgender:
Eine junge Kommunistin - Helene Fantl - war zur Zeit ihrer Verhaftung im Jahre 1940 schwanger. Sie wurde aus dem Konzentrationslager Ravensbrück zur Geburt des Kindes befristet entlassen und sollte nach einigen Monaten ins Konzentrationslager zurückkehren. Sie konnte nicht flüchten, da sie dadurch sowohl ihre Angehörigen, als auch Freunde, die sich des Kindes angenommen hatten, gefährdet hätte. Andereseits war der Terror um diese Zeit schon zu gross, als das eine ganze Familie in die Illegalität hätte gehen können. So entschloss man sich, das kleinere Übel zu wählen und machte eine Eingabe, der Frau zu gestatten, - anstatt wieder ins Konzentrationslager - ins Ghetto Theresienstadt, das um diese Zeit schon bestand, zu gehen. Friedmann intervenierte diesbezüglich bei der Geheimen Staatspolizei. Der Kommissar lehnte ursprünglich ab. Es sei gegen seine Vorschriften. Nach weiteren Verhandlungen erklärte er sich bereit, die Sache souzusagen zu übersehen, wenn sie ‘zufällig’ in den Transport eingereiht werden würde. Seine Bedingung war, dass die Zentralstelle, die die Transporte zusammenstellte, nichts von dem Sachverhalt erführe. (Die verschiedenen Ämter der Geheimen Staatpolizei und der SS standen sich meist feindlich gegenüber, weil eine Stelle immer in dem Wahn lebte, dass die andere grössere Beute hätte!)
Um diese Zeit gingen in kurzen Abständen Transporte nach Theresienstadt, und man wartete mit Bangen, dass Helene Fantl mit eingereiht würde. Der Termin ihrer Rückkehr ins Konzentrationslager rückte näher und näher. Der Kommissar versprach, noch mit dem Abtransport zu warten,
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doch eines Tages - zum Entsetzen aller Beteiligten - wurde sie aus der Wohnung geholt and auf die ‘Kleine Festung’ transportiert.
Doch auch dismal gelang etwas Ungewöhnliches, Einamliges. Nach Intervention stellte sich am nächsten Tage heraus, dass ein besonders eifriger Unterbeamter sie verschickt hatte. Helene Fantl kehrte noch am gleichen Tage von der Festung zurück. Um sie nun beschleunigt in einen Theresienstadt-Transport zu bringen, wurde der SS-Mann Bartels (von dem noch die Rede sein wird) ins Vertrauen gezogen, der Einzige, der bereit war, zu helfen und die 'Weisung’ gab, sie in den Transport einuzureihen. Helene lebte mit ihrem Kindchen in Theresienstadt bis zu der grossen Liquidierung im Herbst 1944, wo sie, wie alle Mütter mit ihren Kindern, direkt in die Gaskammer nach Auschwitz musste.-
Nicht vergessen möchte ich noch die Menschen, die - auf persönliche Verantwortung Richard Friedmanns - auf Grund eines ärztlichen Gutachtens aus der Haft entlassen und in Kranken-Institutionen der Kultusgemeinde untergebracht wurden und von da meist in die Freiheit zurückkehrten.
Anlässlich eines der ersten dieser Fälle entwickelte sich folgendes Gespräch:
“Wer haftet mir dafür, dass die Jüdin nicht verschwindet?”
Friedmann: “Ich hafte Ihnen dafür persönlich”.
“Sie riskieren Ihren Kopf, Sie sind etwas leichtsinnig, Friedmann”.
Friedmann lachend: “Wenn man an meinem Kopf intressiert sein wird, wird sich der Grund schon finden, - aber vorläufig ist es noch nicht so weit”.
Aus der heutigen Perspektive ist es eine der vielen erschütternden Wahrheiten, die Friedmann in all den Jahren klar vor Augen hatte. Er wusste, dass er eines Tages werde verschwinden müssen; leider waren sie um einige Stunden schneller als er.
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Holland
Im März 1941 bekamen Friedmann und Edelstein den Auftrag, nach Holland zu fahren, um dem dortigen Joodschen Rat bei der Einrichtung der ‘Zentralstelle’ behilflich zu sein. Das teuflische System der Nazis wollte die Popularität und das Vertrauen, das diese beiden Persönlickeiten in der jüdischen Öffentlichkeit genossen, für ihre Zwecke ausnützen. Da die politische Situation um diese Zeit eine derartige war, dass von Auswanderung selbstverständlich keine Rede sein konnte und man bei der Durchführung der Judengestze auf die Hilfe der holländischen Bevölkerung rechnete, wurde der Plan vollkommen sabotiert.
Die zwei Monate, die Richard Friedmann in Holland verbrachte, nannte er selbst seinen “ersten Urlaub” nach 5 Jahren. Er schrieb täglich ellenlange Briefe über den holländischen Himmel und holländische Malerei. Die ‘Zentralstelle’ wurde weder während des ersten Aufenthaltes Friedmanns mit Edelstein, noch bei seinem zweiten Aufenthalt im Mai 1941, sondern erst viel später, gegründet. Friedmann kam aus Holland in besonders optimistischer Stimmung zurück. Es war das einzige Mal, dass er politisch unreal sah. Er rechnete wie die Holländer mit der Invasion und einem baldigen Kriesgsende.
Anlässlich seiner Abreise offenbarte sich deutlich, was Friedmann den Juden Prags bedeutete. Man hatte mit der Möglichkeit zu rechnen, dass er ev. nicht mehr zurückkäme, und der Einzelne empfand, als hätte er seinen moralischen Halt verloren. Es fehlte auf einmal die Instanz, an die man sich in allen Situationen wenden konnte und der man all seine Sorgen und Nöte aufbürdete.
Sein konkreter Aufgabenkreis wurde effektiv auf 5 Abteilungen verteilt, meist von alten, gewiegten Anwälten geleitet, doch war es jedem klar, dass der Kopf und das Herz des Betriebes fehlte.
Olmütz
Inzwischen war das entscheidendste Ereignis des Krieges eingetreten, der Überfall auf die Sowjet-Union. Nach
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den ersten Wochen der Siege spürte man bei den Nazis, wie sich die Lage veränderte. Die Atmosphäre war zum Zerreissen gespannt. Die SS überkompensierte ihre Enttäuschung, ihre Wut, und die nicht eingestandene Scham über die Misserfolge äusserte sich in besonderer Brutalität.
Um diese Zeit ging es in Olmütz besonders toll zu. Dem Druck des berüchtigten SS-Mannes Bankl war der dortige Leiter der Kultusgemeinde - ein alter, völlig unpolitischer und ängstlicher Mensch - erlegen, und es wurde unter der jüdischen Bevölkerung wild gehaust. Friedmann fuhr nach Olmütz und das, was später seine dortigen Mitarbeiter über seine Tätigkeit dort erzählten, schien selbst Leuten, die Friedmann kannten, unwahrscheinlich. Es war in gewissem Sinne tollkühn. Ohne etwas anderes hinter sich zu haben, als seinen persönlichen Mut und seine persönliche Initiative, bluffte er Bankl, indem er fast die Rollen vertauschte und sich ihm gegnüber, auch in der Form, gewissermassen wie ein Vorgesetzer aufführte. Er selbst kam sich dabei, wie er später lachend sagte, als eine Art ‘Tierbändiger’ vor. Die Methode hatte Erfolg und die Verhältnisse in Olmütz änderten sich grundlegend. Aber es war eine enorme Anspannung seiner physischen und seelischen Kräfte, und so nebensächlich und klein diese Episode auch gewesen sein mag, haben wir selten Friedmann so verändert gesehen, wie nach diesem dreiwöchentlichen Husarenstück. Als er das Schlachtfeld verliess, blieb er noch monatelang offiziell der Leiter der Kultusagemeinde Olmütz, und die Berufung auf ihn tat immer, auch aus der Ferne, seine Wirkung.
Heydrich-Zeit in Prag.
Friedmann weilte gerade wieder für ein paar Tage in Olmütz, als er auf dramtische Weise abberufen wurde. Eine neue Phase hatte eingesetzt. Es begann die endgültige, grosse Tragödie des Judentums. Heydrich war nach Prag gekommen. In der Kultusgemeinde wurde die ‘Registrierung’ der Juden vorgenommen. Dr. Hans Bonn und Emil Kafka, die offiziellen Leiter der Registrierungsabteilung, wurden wegen Sabatoge verhaftet und Richard Friedmann wurde telegrafisch aus Olmütz geholt.
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Kein anderer wie er erfasste so völlig den Ernst der Situation. Er gab sich keinem Optimisums hin und wusste von Anfang an, dass diese zwei Kollegen - Hans Bonn war ein persönlicher Freund - verloren waren.
Einige Tage später setzten die ersten Transporte aus Prag nach dem Osten ein. Es waren die Transporte in das Lodzer Ghetto. Ausser dem Entsetzen, das jeden jüdischen Menschen Prags ergriff, bedeutete diese Tatsache für Friedmann sozusagen den Zusammenbruch seiner jahrelangen Arbeit. Die jüdische Gemeinschaft, die durch den blinden Einsatz des eigenen Lebens erhalten bleiben sollte, wurde nun massenweise in die Vernichtung geschickt. Er wusste damals noch nichts von der hoch organisierten Todesmaschinerie in Polen, stellte sich die Sache nicht so systematisch vor, wusste aber um die sichere Vernichtung des grössten Teiles dieser Menschen.
Diese prinzipielle Veränderung der Lage, hatte auch eine prinzipielle Aenderung seines Standpunktes zu der ganzen Arbeit zur Folge. Er sah völlig klar, dass die Zeit “des Handelns und selbst des kleineren Übels” vorbei war. Die Rettung eines Menschen musste mit dem Leben eines anderen erkauft werden. Er war sich bewusst, dass man von diesem Tage an in keiner Weise mehr ‘Vehrhandlungspartner’ war, den jetzt brauchte die Gestapo nur noch Exekutiv-Organe. Ich gebe ein Beispiel, das seine veränderte Einstellung deutlich charakterisiert:
Eine gemeinsame Freundin, deren Mann in den ersten Heydrich-Tagen als Kommunist hingerichtet worden war, ging illegal über die Grenze nach Ungarn. Friedmann schlug am gleichen Tage vor, mit ihr mitzugehen, mit der Begründung:
“Ich bin jedesmal von meinen Reisen aus London zurückgekehrt und hatte auch sonst Gelegenheit, zu verschwinden. Ich habe es nie getan, weil ich nicht desertieren wollte. Jetzt aber fühle ich keine moralische Verplichtung mehr, durchzuhalten. Das, was wir heute leisten können, steht in keinem Verhältnis mehr zu dem Preis, den wir dafür zu bezahlen haben”.
Er sprach mit niemandem über seinen Plan, da er niemanden mit dem Wissen belasten wollte, ausser mit mir, die mitgehen sollte. Viellecht scheiterte er an einer gewissen
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Trägeheit meinerseits; auch waren wir eine zu grosse Gruppe für den Grenzübertritt. Doch die Helfer wollten wiederkommen.
Aber inzwischen hatte sich die Lage so zugespitzt, dass es Friedmann innerlich nicht mehr möglich war, weg zu gehen. Es kamen die Todesnachrichten von Dr. Hans Bonn und Dr. Emil Kafka und verursachten allgemeine Panik und Ratlosigkeit. Friedmann fühlte sich der Gemeinschaft zu sehr verbunden, als in einem solchem Augenblick an seine eigene Rettung zu denken.
Transporte
Die Transporte in Prag wurden folgendermassen zusammengetellt: Die Zentralstelle hatte eine Kartothek der Juden, und die SS-Männer entnahmen nun vollkommen willkürlich - meist nach Papagei-System - die Kartothekkarten. Die Kultusgemeinde hatte das Recht, eine ‘Schutzliste’ aufzustellen, die die Namen der Mitarbeiter enthielt. Da auf jeden Transport 1000 Teilnehmer entfielen, gab die Gestapo meist 1200 - 1300 Karteikarten heraus, aus denen dann die geschützten Mitarbeiter ausgeschieden werden sollten. Prinzipiell also entschied die Gestapo über das Schicksal der Einzelnen, und die Gemeinde hatte nur ein begrenztes Reklamationsrecht. Dieses Privileg wurde natürlich zum Herd von Protektionsmöglichkeiten, und es ist selbstverständlich, dass in dieser Beziehung keine idealen Zustände herrschten. Es würde eine Gemeinschaft von lauter übermenschlichen Idelalisten voraussetzen, die unter diesen Umständen, wo es um Leben und Tod ging, nicht um die Möglichkeit gekämpft hätten, ihre nächsten Angehörigen und Freunde - soweit sie die Macht dazu hatten - nicht zu ‘Mitarbeitern der Gemeinde’ zu machen. Die Gemeinschaft der Juden war nicht schlimmer, aber auch besser als die der sie umgebenden Welt.
Friedmann litt an diesem Problem und kämpfte mit sich darum. Ursprünglich hatte er einen ganz starren Standpunkt. Er sagte, es habe niemand das Recht, einen Menschen für besser oder wertvoller anzusehen und über dessen Leben zu entscheiden. Er stellte sich auf den allgemeinen Standpunkt, dass die Rettung des einen ein ande-
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rer zu bezahlen habe, nachdem die Zahl der Teilnehmer von vorn herein festgesetzt war. Wenn er auch nicht vermochte, seine Umgebung dazu zu bewegen, Familien- und Freundschaftsrücksichten fallen zu lassen, so lehnte er es für seine Person strengstens und konsequent ab, jemanden durch einen Unbekannten zu ersetzen, weil es ein persönlicher Freund von ihm war.
Aus unserem Freundeskreis lagen ihm allerdings einige Familien besonders am Herzen, die kleine Kinder hatten. (Ing. Klein und Dr. Winternitz). Frau Klara Hutter dagegen, in deren Haus in Prag er eine zweite Heimat gefunden hatte und die er wie eine Mutter liebte, liess er in einem der ersten Transporte nach Theresienstadt gehen. Ebenso, eine Frau, die ursprünglich meine Patientin gewesen war, und später einer der mir am nächsten stehenden Menschen, Elisabeth Winter, alleinstehend und ohne Kinder, die ebenfalls gleich am Anfang in einen der Transporte kam und in Theresienstadt sofort Selbstmord verübte, weil dieser gleiche Transport unverzüglich nach dem Osten weitergeleitet wurde. Dagegen akzeptierte Friedmann sozusagen eine Art ‘politischen’ Standpunkt, d.h. er bemühte sich, Menschen vom Transport zurückzustellen, die von der Gemeinschaft und für eine Gemeinschaft als wichtig bezeichnet wurden.
In jeder Hinsicht war diese Zeit ein ständiger moralischer Kampf und erforderte immer neue Konzessionen. Prinzipiell widerstrebte Friedmann vom ersten Augenblick an, mit der Administration der Transporte etwas zu tun zu haben. Er erklärte eindeutig gleich zu Beginn, dass er sich völlig zurückziehen würde und nicht bereit sei, an der Executive dieses teuflischen Werkes teilzunehmen.
Der in Prag übel bekannte Mandler, der bisher ein Privatleben geführt hatte, wurde mit dieser Aufgabe beauftragt und übernahm die Durchführung der Transporte von der Einlieferung in die Sammelstelle bis zur Abfahrt.
Für den Betrieb der Kultusgemeinde, der nun auch zum grossen Teil auf die Transporte eingestellt werden musste, war Friedmann natürlich nach wie vor verantwortlich, besonders da nach der Verhaftung Dr. Hans Bonns und Emil Kafka kein anderer als er den Mut gehabt hätte, den ganzen Apparat zu leiten.
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Die Abwicklung der Transporte ging ungefähr folgendermassen vonstatten: Nachdem in der Zentralstelle die sogenannte Transportliste aufgestellt worden war, wurde sie der Kultusgemeinde übergeben. Die Kultusgemeinde verständigte dann die Leute von ihrer Einreihung in den Transport, und zwischen dieser Verständigung und dem Antritt in den Transport vergingen ungefähr 3 - 5 Tage. In diesen Tagen versuchte begreiflicherweise ein jeder unter irgendeinem Vorwand reklamiert zu werden. Alle diese Reklamationen - teils aufgrund wirtschaftlicher Positionen, teils wegen ‘unklarer rassischer Verhältnisse’, zum grössten Teil aber wegen Krankheitszuständen, gingen über den Apparat der Kultusgemeinde und über den ärztlichen Dienst derselben.
Ausserdem reihte die Kultusgemeinde einen grossen Teil ihrer Mitarbeiter - besonders die Jungendlichen und selbst grössere Kinder beteiligten sich daran - in den ‘Hilfsdienst’ ein. Dieser half den Betroffenen bei den Vorbereitungen für den Transport, bei der Auflösung des Haushaltes, der Besorgung von Lebensmitteln, Koffern etc. Und schliessliech brachten Wagen und Helfer das Gepäck in die Sammelstelle.
Eine eigenartige Technik des Packens aufgrund besonderer Hilfsmittel entstand, die schwer zu beschreiben ist, in deren Vorstellung sich wohl auch kaum jemand einleben kann, der diese grausige Zeit nicht mitgemcht hat.
2.) Geheime Staatspolizei:
Doch als schwerste und wichtigste Pflicht der jüdischen Gemeinschaft gegenüber betrachtete Friedmann seine Anwaltsfunktion in den sogenannten Strafsachen der politischen Geheimen Staatspolizei. In den ersten Wochen nach der Besetzung besorge Edelstein dieses Amt, das aber im Laufe der Zeit völlig in den Arbeitsbereich Richard Friedmanns überging.
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oder gar wesentlich ermöglicht wurde. Aber es erwies sich, dass in anderen Ländern, in denen die Deportationen weniger ruhig und geordnet vor sich gingen, die Juden fast ohne vorherige Verständigung wahllos - durch Absperren von Strassen und Häuserblocks - zusammengefangen wurden, die Gestapo selbst immer über einen genügenden Stab von durchführenden Organen verfügte.
Hier muss etwas entscheidend wichtiges festgehalten werden: An sich hatte in Prag ein jeder Jude persönlich die Möglichkeit, in die Illeglität zu gehen. In dem Zeitraum von 3 - 5 Tagen, der zwischen der Verständigung und dem Abgang des Transportes lag, konnte man alles für die Illegalität in Ruhe vorbereiten, in seiner Wohung unbehelligt leben und verschwinden. Auch wurde kein Jude, der zum Transport nicht angetreten war, in Prag ernstlich oder konsequent von der Gestapo gesucht. Die Gestapo hatte dem Vorschlag zugestimmt, dass die Gemeinde die czechische Polizei jeweils vom Nichterscheinen eines Juden verständigen werde und diese dann den Betreffenden ausfindig zu machen habe. Dies war eine reine Formensache, da sich die Polizei mit einem einmaligen Erscheinen in der Wohnung des Vermissten und der Erklärung, dass er verschwunden sei, zufrieden gab und den Fall als ‘unauffindbar’ meldete.
Warum dann aber verschwanden so wenige, auch nichtjüdische, politisch bedrohte Menschen, - die später trotzdem der Gestapo in die Hände fielen? Der Grund war der ungehere, immer anwachsende Terror, das unheimlich dichte Netz der Gestapo-Agenten und die Notwendigkeit, dass jeder einzelne unbedingt von einer Anzahl von Menschen in der Illegalität abhängig war, die er ins Vertrauen ziehen, die ihn beherbergen und verköstigen mussten und die sich dadurch sämtlich in Lebensgefahr befanden. Es fehlte nicht dem Einzelnen an Mut, das Leben eines versteckten und gehetzten Tieres zu führen, doch konnten sich die wenigsten dazu entschiliessen, Menschen, selbst wenn es die nächsten Angehörigen oder Freunde waren, in ständige Lebensgefahr zu versetzen.
Theresisenstadt
Nach den ersten Transporten ins Lodzer Ghetto, wurde das Ghetto Theresienstadt eingerichtet. Ursprünglich war es nur für die Juden des Protektorats bestimmt gewesen.
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Edelstein, mit einer Gruppe von Mitarbeitern, ging freiwillig als Leiter des Lagers mit. Nachdem Theresienstadt das einzige erreichbare Lager von Prag war, konzentrierte sich Friedmann immer mehr und mehr darauf, dieses Lager zu versorgen.
Eine eigene Abteilung, die Abteilung “G” wurde in der Kultusgemeinde errichtet, die die Aufgabe hatte, die Versorgung des Ghettos durchzuführen. Im Laufe der Zeit wurde diese Abteilung ‘G’ die absolute Domäne Friedmanns, und was unter dem Deckmantel dieser legalen Institution an geradezu halsbrecherischen und tollkühnen illegalen Verschiebungen nach Theresienstadt vor sich ging, lässt sich schwer in einem kurzen Bericht schildern. Es existierte die prinzipielle Bewilligung der Zentralstelle, das Ghetto Theresienstadt mit dem ‘Notwendigsten’ von Prag aus zu versorgen, und zwar teils durch Einkäufe, deren Kontrolle der Zentralstelle vorbehalten war, teils aus den Beständen der Kultusgemeinde. Unter dem Deckmantel dieser prinzipiellen Bewilligung des ‘Notwendigsten’ wurden nun auf eigene Verantwortung Richard Friedmanns, der allein gegenüber der Gestapo für die Durchführung dieser Aufgabe verantwortlich war, alles was das Ghetto brauchte - und was irgendwie auf legalem und meist illegalem Wege ereichbar war - in maximalen Megen aufgekauft und hinausgeschafft.
Die Beispiele liessen sich zu Tausenden anführen, beginnend mit den Hunderttausenden von Strohsäcken, (die in solchen Mengen in Theresienstadt vorhanden waren, dass sie manchmal auf den Höfen im Schmutz verfaulten) über Lebensmittel, Wohnungs- und Kücheninventar, Musikinstrumente, Bücher, Schreib- und Zeichenmaterial bis zu der phantastischen Medikamentversorgung. Wenn nicht anderes greifbare Material - abgesehen von den tausenden geretteten Menschen - von der Tätigkeit Richard Friedmanns nach Vernichtung aller Dokumente vorhanden ist, so sind die Mengen von ärztlichem Material und Medikamenten, die in Theresienstadt noch nach der Befreiung gefunden wurden und jeden Aussenstehenden frappieren mussten, in der Annahme, dass dies alles mit ‘Bewilligung’ der Gestapo hingeschafft worden wäre, ein deutliches Zeugnis für die Tätigkeit Richard Friedmanns in dieser Zeit.
Es wurde von ihm eine Aktion in Prag veranstaltet. Jüdische Ärzte und Apotheker bereisten fats das ganze Pro-
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tektorat und kauften bei den czechischen Aptheken, die gerne bereit waren, in dieser Aktion zu helfen, besonders da die Sachen entsprechend bezahlt wurden, Unmengen von versteckten Medikamentenreserven auf, die die Nazis nie zu Gesicht bekommen hatten. Es gelang Friedmann auf eine Weise, die nie jemand von uns erfahren hat, eine Menge Morphium einzukaufen, die nicht nur die Versorgung des Ghettos in den Jahren seiner Existenz garantierte, sondern wahrscheinlich zum Teil auch noch nach der Befreiung vorhanden war. Dieses Morphium, in Form von Trockenwürfeln, befand sich wochelang in seiner Wohnung, bis sich die Gelegenheit ergab, es auf illegalem Wege ins Ghetto hinaus zu schaffen. Es hätte genügt, um grosse Teile der deutschen Armee mit Morphium zu versorgen, zu einer Zeit, wo daran solcher Mangel bestand, dass in Bereichen Grossdeutschlands auf den Gebrauch von Mohn die höchsten Strafen standen, ja man sogar von Todesstrafe sprach.
Typisch für die Einstellung Friedmanns in der Sache der Versorgung Theresienstadts war eine Anekdote, die über ihn kursierte und die auch in einem humoristischen Gedicht der “G” Abteilung festgehalten wurde. Es ist die Rede von ‘1000 kg. Hypermangat’. Als man ihm telefonisch mitteilte, es sei Hypermangat erhältich, antwortete er, wie gewönlich: alles, was Sie bekommen können, jedenfalls 1000 kg.!
Es braucht nicht besonders betont zu werden, dass das Geld für die Beschaffung in der üblichen Weise der Gestapo in zähem, ständigen Kampfe, unter dauernder Fälschung des Budgetvoranschlages, abverlangt wurde. Es kam in dieser Zeit häufig vor, dass Friedmann bei anderen Abteilungen der Kultsgemeinde sozusagen “Schulden” machte, und es ergab sich die groteske Situation, dass er, als wären es ‘Spielschulden’, mit bösem Gewissen vor seinen ‘Gläubigern’ dastand, bis dann endlich die Gestapo eine grössere Summe bewilligte. Am Tage vor seiner Deportation hatte er für die ‘G’ Abteilung aus dem Bestand 6 Millionen Kronen herausgeholt, und er war ‘sorgenlos’ wie schon lange nicht.
All dies wäre jedoch nicht möglich gewesen, wenn die Kultusgemeinde nicht ständing durch die Mithilfe des SS-Mannes Bartels untertützt worden wäre. Es war dies der einzige SS-Mann, der in all den Jahren illegal Hilfe leistete. Friedmann hat zu wenig über die Person dieses Mannes verlauten las-
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sen und hatte später in Theresienstadt den Kontakt mit ihm verloren. Es ist mir daher nicht möglich, ihn eindeutig zu charakterisieren und die Motive zu beurteilen, die ihn zu seinem Handeln bestimmten. Ohne Zweifel ist aber die Tatsache, dass der SS-Mann Bartels zu jener Zeit den Juden wertvolle Dienste leistete. Typisch ist z.B. folgendes Ereignis, das mir in Erinnerung geblieben ist. Bei der Gestapo life eine Anzeige gegen B von einer pharmazeutischen Firma ein, die damals unter deutscher Führung stand - ich glaube es war die ‘Medica’ - dass er unverhältnismässige Mengen von Medikamenten für Judenzwecke bewillige. (Bartels war bei der Gestapo Referent für Wirtschaftsbelange und für die Versorgung Theresienstadts der Gestapo verantwortlich!) Bartels wendete sich ziemlich ratlos an Friedmann, was er in der Angelegenheit unternehmen solle. Friedmann setzte ihm den Brief an die pharamazeutische Firma auf, in welchem Bartels erklärte, er wäre augenblicklich bereit, die Durchführung der Versorgung mit Medikamenten des Ghettos Theresienstadt der Firma selbst zu überlassen, wenn diese ihm schriftlich erklären würde, dass sie die Verantwortung für die Verhütung von Epidemien übernähme, die keine rassischen Grenzen kennen. Es folgte eine genaue Schilderung der hygienischen Verhältnisse des Ghettos. Auf diese Weise wurde die Sache beigelegt.
Verhandlungen zwischen Gestapo und Wirtschaftsgrupe Bertsch
Im Zusammenhang mit SS-Mann Bartels muss noch folgendes festgehalten warden: Einige Monate nach Beginn der Deportierungen gingen von der Wirtschaftsgruppe um Bertsch Vorschläge aus, die Deportierung der Juden einzustellen, um sie als Arbeitskräfte im Rahmen des allgemeinen Arbeitseinsatzes zu verwenden. Es waren gewiss keine humane Erwägungen, die zu dieser Einstellung führten. Entweder wollte die Gruppe Bertsch tatsächlich die allzu billige Arbeitskraft des jüdischen Arbeiters für ihren internen Markt sich sichern, oder es war prinzipielle Opposition der Gestapo gegenüber. Wie ich schon erwähnte: die verschiedenen Gruppen waren einander immer feindlich gesinnt und das auch nicht aus ideologischen Gründen, sondern weil die Gestapo von jeder Beute immer das reichste und fetteste Stück abbekam. Auf diese Tatsache stützte sich die unterdrückte Minderheit in ihrer Taktik, und es gelang nicht selten, gewisse Vorteile aufgrund dieses Antagonismus herauszuschlagen, indem die eine Instanz gegen die andere ausgespielt wurde.
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Diesmal handelte es sich darum, dass die Wirtschaftsgruppe Bertsch Material brauchte, um die ‘Unrentabilität, der Extermination der Juden' nachzuweisen. SS-Mann Bartels hatte Beziehungen zu dieser Gruppe und wusste von ihren Tendenzen. Er bahnte Verhandlungen an, für die Richard Friedmann das statistische und sonstige Material als Unterlagen lieferte. Die Verhandlungen wiederholten sich in regelmässigen Abständen zwei - bis dreimal, und die Spannung, die Freiedmann in diesen Tagen durchmachte - er wurde durch Bartels immer auf dem Laufenden gehalten, lässt sich schwer beschreiben. Doch die Gestapo ging wie immer als Siegerin hervor. Nach kurzer Zeit fing der Kampf von neuem an, aber auch diesmal siegte die Gestapo im letzten Augenblick.
Aenderung der inneren Situation
Wenn auch äusserlich die Gestapo völlig Herrin der Situation war, blieb die veränderte politische Situation, in der die Niederlage der Deutschen immer deutlicher wurde, nicht ohne Folge auf die Mentalität der SS und veränderte grundlegend ihre Einstellung und ihr Auftreten.
Ich muss an dieser Stelle nocheinmal hervorheben, dass die Haltung Friedmanns gegenüber der Gestapo entweder übertrieben korrekt, oder, je nach Stimmung und dem gegebenen Augenblick, eher herausfordernd und überheblich, jedenfalls immer eine feindliche war. Da jedoch die Verhandlungspartner von einer Plumpheit und Primitivität waren, wie sie für jemanden, der diese ‘Herrenmenschen’ nicht kannte, kaum vorstellbar ist, begnügte sich Friedmann nicht allein mit seiner Haltung, sondern gab auch seiner Einstellung in klaren Worten Ausdruck. In den Verhandlungen sprach er immer wieder von ‘korrekter Feindschaft’, von der Tatsache, dass sowohl er, als auch die Gengenpartei, ‘verurteilt’ wären, miteinander zu verhandeln, und dass eben jeder seine Forderungen verteidigen müsse mit den Mitteln, die ihnen zur Verfügung ständen. In all den Jahren liess er sie nie im Zweifel darüber, wie sehr er sich der Ungleichheit der Partnerschaft für den Augenblick bewusst sei, dass sie zwar die Macht in Händen hätten, er aber trotzdem nicht kapituliere, einmal, weil er für seine Person keine Angst habe, er aber darüber hinaus letzten Endes der Sache des Sieges diene.
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Eine solche Haltung war möglich und relativ ungefährlich zu einer Zeit, da Deutschland von einem Siege zum anderen eilte. Mit den danach einsetzenden Niederlagen änderte sich natürlich die Situation wesentlich: Zweifel, Unsicherheit und Minderwertigkeitsgefühle beunruhigten die Gemüter.
Was im Grossen geschah, geschah auch hier im Kleinen: den Herren der Gestapo wurde es unerträglich, dass die Juden, die sie zynisch und selbstsicher vernichten wollten, nun zu Zeugen ihrer eigenen Niederlage werden sollten. Richard Friedmann und Jakob Edelstein, deren Spezialität es gewesen war, politische Gespräche mit ihnen zu führen, wurden in dieser Zeit für die Gestapo, mit der sie all die Jahre hatten verhandeln müssen, zum Symbol des unerbitterlichen, nun über ihre Niederlage triumphierenden Feindes. In ihrer Primitivität charakterisierten sie die neu entstandene Lage selber durch folgenden kleinen Zwischenfall.
An einem Tage, an dem die Deutschen wieder eine Niederlage erlitten hatten, brüllte Günther - der Leiter der Zentralstelle - Friedmann unvermittelt an, warum er so gut gelaunt sei. Er wolle ihn darauf aufmerksam machen, dass, wenn es schlechter ginge, die Juden vor allem nicht zu lachen haben werden. Friedmann antwortete, dass er sich schon auf die Zeit freue, wo er nicht mehr lachen werde. In den ersten Tagen der Transporte stellte Günther an Edelstein wörtlich die Frage: “Was sagt nun Friedmann - lacht er noch immer?”. In der zweiten Hälfte des Jahres 1942 gab es Tage und Wochen, wo Günther es ablehnte, mit Friedmann zu sprechen. Er konnte einfach seinen Anblick nicht ertragen.
Es war von vornherein klar, dass diese SS-Leute entschlossen waren, Menschen wie Friedmann und Edelstein, die für sie das konzentrierte feindliche Judentum bedeuteten, ihre Niederlage nicht erleben zu lassen. Es stand ausserhalb jeden Zweifels, dass sie in der Endphase aus der Welt geschafft werden mussten - es war dies bloss eine Frage der Zeit. Friedmann war sich dessen voll bewusst. Er wurde bespitzelt mehr als je zuvor, wusste davon und sprach auch darüber. Allerdings machte er gerade um diese Zeit, im Zusammenhang mit Theresienstadt, die waghalsigsten Dinge; wohl aus dem Gefühl heraus, dass es sich um die letzten Anstrengungen handele, er nicht mehr viel Zeit zur Verfügung haben werde.
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Er beging die Unvorsichtigkeit, direkt mit Theresienstadt zu telefonieren, meist nachts aus seiner Wohnung, - in dringenden Fällen auch aus seinem Büro. Günther darüber unterrichtet worden war. Im Dezember 1942 wurde Friedmann eines Tages zu Günther vorgeladen und einem Verhör unterzogen. Selbstverständlich leugente er alles. Nachdem Friedmann einige Tage darauf die Beine kaum bewegen konnte und offiziell einer Ischias wegen zuhause bleiben musste, gab er seinen nächsten Freunden 140 Kniebeugen aus diesem Verhör zu. Was sich sonst dort abspielte, erfuhr nie jemand von uns. Aber das wussten wir, dass Günther nicht mit Offenherzigkeit sparte und Friedmann erklärte, es sei das letztemal, dass er so billig davonkäme, das nächste Mal hiesse es Konzentrationslager. Das wusste allerdings Friedmann selbst auch.
Es war damals, dass wir ernstlich eine Flucht zu erwägen begannen. Aber, da Friedmann nicht der czechischen Sprache mächtig war, wollte er versuchen, über Österreich in die Schweiz zu gelangen. Da kam es am 28. Januar 1943 zu einem unerwarteten Ereignis. Zur 10jährigen Jahresfeier der Gründung des ‘Dritten Reiches’ sollte dem Führer die “Liquidierte Judenfrage” als Geschenk zu Füssen gelegt werden. Die Kultusgemeinden Berlin, Wien und Prag wurden offiziell aufgelöst, die führenden Funktionäre ins Ghetto eingewiesen und das übriggebliebene Amt in Berlin, Wien und Prag einem ‘Ältestenrat’ unterstellt. Schon wenige Tage vorher spürte man, dass etwas sich vorbereite. In der Nacht vor dem 28.I.43 erfuhren die Nächststehenden, dass Dr. Weidmann, der offizielle Leiter der Kultusgemeinde Prag ‘diskret’ von Günther den Auftrag bekommen hatte, sich für den Transport nach Theresienstadt vorzubereiten.
Friedmann verbrachte die Nacht vom 28.I. bei Weidmann. Es wurde verabredet, dass er und einige der engsten Mitarbeiter am Vormittag bei der Zentralstelle sein würden, um sich von Weidmann zu verabschiden. Friedmann sprach selbstverständlich nicht darüber im Mitarbeiterkreise, um niemanden mit dem Wissen zu belasten, war jedoch fest entschlossen, unverzüglich zu verschwinden.
Am Vormittag des 28. Januars 1943, während Friedmann auf der Zentralstelle war, befand sich in unserer Wohnung Frau Eugenie Dangl, die Friedmann seinerzeit im Kreise des
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gewesenen Legationsrates der Czechoslowakischen Gesandtschaft in Berlin, Camil Hoffmann, kennen gelernt hatte und die als ehrliche, aufopfernde österreichische Antifaschistin, aufgrund ihrer Beziehungen in der Illegalität mit allen Kräften half. Wir berieten zusammen die Möglichkeit eines illegalen Grenzübertrittes in die Schweiz. Um 11 Uhr wurden wir davon verständigt, dass Friedmann und mit ihm einige andere exponierte Persönlichkeiten, darunter der aus Zionistenkreisen bekannte Dr. Franz Kahn, verhaftet worden seien. Sie durften weder in ihre Wohnungen zurück, noch mit ihren Angehörigen telefonieren. Noch am gleichen Tage wurden sie als sogenannte “Einzelreisende” ins Ghetto Theresienstadt eingeliefert. Die Familien und Gepäck sollten am nächsten Tage nachkommen.
Es waren 24 Stunden, in denen weder die Beteiligten noch deren Angehörige glaubten, dass man tatsächilich in Theresienstadt zusammen treffen werde. Ein berechtigtes Misstrauen warnte einen, dass das Gegenteil von dem sich als wahr erweisen würde, was die Gestapo offiziell erklärt hatte. (Die Einstellung war später in den Konzentrationslagern bis zum krankhaften gesteigert: man glaubte einfach garnichts mehr.) Diesmal war es ausnahmsweise keine Lüge. Am 29, Januar folgten die Angehörigen den am Vortage Deportierten.
Theresienstadt
Die Schilderung der Verhältnisse in Theresienstadt erforden einen eigenen, resp. mehrere umfangreiche Bände. Ich muss mich daher auf ein paar Stichworte beschränken. Um nicht den Eindruck eines einseitigen Urteils zu erwecken, möchte ich folgendes vorausschicken: Ich spreche von den Erscheinungen des internen Lebens, sozusagen von der Reaktion der internierten Masse, nicht von den Einrichtungen der SS., die ja allzu bekannt sind.
Trotz der vielen negative Erscheinungen, die unter diesen fürchterlichen Bedingungen, unter diesem ständigen Druck, der Todesangst zum Vorschein kamen, ist die Bilanz dieses jüdischen Kollektivs im ganzen gewiss eine positive. Im Gegensatz zu anderen Konzentrationslagern, in denen die Mehrzahl der Internierten politische Häftlinge waren, lebte in Theresienstadt eine Bevölkerung, die sich aus allen sozialen Schichten zusammensetzte. Im
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allgemeinen erwies es sich, dass gerade jene Eigenschaften, die auch von interner Seite den Juden als negativ zugeschrieben werden, sich nicht als vorhanden erwiesen. Die Juden vollbrachten unglaubliche technische und organisatorische Leistungen. Um nur ein Beispiel zu nennen: die zwangsweise Übersiedlung der Männerkaserne von 5000 Menschen innerhalb von 24 Stunden - was ungefähr der Übersiedlung einer kleinen Stadt entspricht! - war ein Wunder an technischer und sonstiger Arbeitsleistung. Die hygienischen Verhältnisse in Theresienstadt unter diesen unvorstellbaren Schwierigekeiten, waren bewundernswert.
Die Jugend, zum Teil zionistisch organisiert, zum Teil in der sehr stark illegalen kommunistischen Organisation erfasst, war moralisch und kulturell auf einer Höhe wie kaum wo anders in den von Deutschen besetzten Ländern. Wo jedoch die Juden merkwürdigerweise fast völlig versagten, war in ihrer Administration, sodass mit Recht das Sprichwort umging: “Theresienstadt sei ein Konzentrationslager, verschärft durch Selbstverwaltung”. Der Grund dafür war wohl, dass die Mehrzahl der in der Administration beschäftigten Menschen sich aus dem jüdischen Kleinbürgertum rekrutierten. Durch das groteske Miniaturgebilde von ‘Staat’, das Theresienstadt durch die Selbstverwaltung darstellte, kamen diese Menschen in Stellungen, wie kaum je zuvor in ihrem Leben. In dem zermürbenden Alltag verloren sie, wie auch sonst jeder Kleinbürger, die Beziehung zu dem grossen Geschehen und nützten ihre Machtpositionen in unangenehmster Weise aus. Es kam hinzu, dass jede dieser Positionen auch einen relative Schutz vor dem Osttransport gewährte, und so war es selbstverständlich, dass jeder, der einmal ‘am Ruder’ war, die Tendenz hatte, seinen ganzen Familien- und Freundeskreis in dem Verwaltungsapparat unterzubringen. Und so entstand im Laufe der Zeit ein wahrer Dschungel von Administration, von Korruption and Cliquenwirtschaft. Die tiefste Wurzel dieses traurigen Übels lag in der Tatsache, dass in Theresienstadt die Juden selbst vollständig über die Zusammensetzung der Transporte nach dem Osten zu entscheiden hatten. Es muss nicht näher aufgeführt warden, welchen Machtapparat die sogenannte ‘Transportabteilug’ darstellte.
All dies hatte Friedmann in den ersten 24 Stunden seines Aufenthaltes inTheresienstadt erfasst, und als wir am nächsten Tage dorthin kamen, war Friedmann das einzige Mal - die Stunden vor seiner Hinrichtung nicht ausgenommen -
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irgendwie verstört und aus seinem Gleichgewicht gebracht. In diesem Zusammenhang erschütterte ihn vor allem die Tatsache, dass Edelstein, an dessen moralischer Kraft und Reinheit er nicht zweifeln wollte und konnte, nicht stark genug gewesen war, um all dies zu verhindern. Er hat es nie begriffen, dass man - entgegen der Prager Praxis - es auf sich genommen hatte, über das Leben und den Tod der einzelnen Mitglieder der Gemeinschaft zu entscheiden. Es gab viele Diskussionen zwischen Friedmann und Edelstein, doch ist dies zu intimer Natur, um als Dritter darüber zu urteilen. Friedmann erklärte später, dass die Menschen, die Edelsteins engstem Kreise angehörten, ihm persönlich wohl ergeben, doch niemals menschlich oder politisch seinem Format auch nur nahe kamen; es waren kleine Menschen, die in ihrer Machtposition sogar eine Art Lokalpatriotismus entwickelten.
Die Erstangekommenen gebärdeten sich später wir eine Art Pioniere. Sie waren die ‘Aristokratie’ Theresisenstadts, die auf die später Angekommenen mit einer gewissen Missachtung hinabschauten. All diese geistigen Perversitäten, die in dieser abnormen Situation entstanden, wären eher grotesk als tragisch gewesen, wenn sie sich nicht auch immer in der Praxis ausgewirkt hätten. Z.B. waren spä ter angekommene vortreffliche Chirurgen oder sonstige Spezialisten ‘arbeitslos’, weil weniger Begabte, die früher angekommen waren, ein ‘moralisches’ Recht auf ihre leitenden Positionen hatten.
Es ist schwer zu beurteilen, wie weit die Einsicht in diese internen Verhältnisse Friedmann beeinflussten, in jedem Falle lag es in der Linie seiner Entschlüsse, falls seine Arbeit nicht mehr entscheidend notwendig sein würde, aus dem öffentlichen Leben zu verschwinden. Und nachdem aufgrund der eben geschilderten Verhältnisse niemand darauf bestand, dass er in Theresienstadt eine leitende Stelle übernähme, führte er seinen Entschluss vom ersten Tage seiner Ankuft konsequent durch.
Friedmann wurde ins Ghetto Theresienstadt als sogenannter ‘Prominenter’ eingewiesen. Die Nazis bezeichneten als ‘prominent’ einmal Menschen, von denen anzunehmen war, dass sie im Ausland bekannt seien, andererseits beehrten sie damit auch manche üble Typen, die ihnen zur Zeit der Besetzung Dienste geleistet hatten. Zu den Pro-
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minenten gehörten prinzipiell alle Universitätsprofessoren, gewesene Diplomaten, hohe Militärs und führende Leute aus dem jüdischen öffentlichen Leben. Die Prominenten hatten gewisse Privilegien, das Recht auf eine eigene Wohnung mit ihren Familien, gewisse, wenn auch sehr geringe, Mehrzuerteilungen an Nahrungsmittlen und keine Arbeitspflicht. Friedmann lehnte prinzipiell die Vergünstigungen ab, da sie offiziell der Initiative der Nazibehörden entsprangen. Er hat während der Zeit seines Aufenthaltes in Theresienstadt niemals Lebensmittelzulagen in Empfang genommen und unterzog sich vom ersten Tage seiner Ankunft der Arbeitspflicht, indem er an den Arbeiten der sogenannten ‘Hundertschaft’ teilnahm. Die Hundertschaft war eine Theresienstädter Spezialität: ein jeder Neuankömmling war verpflichtet, unabhängig von seiner Qualifikation, eine bestimmte Zeit körperliche Arbeit zu leisten. Dazu gehörten Säuberungsarbeiten, Kanalarbeiten, Leichentragon u.ä. Auf Wunsch seiner Freunde - besonders im Hinblick auf illegal Arbeit - war Friedmann damit einverstanden, eine eigene Wohnung zu akzeptieren. Es war dies ein Privileg, das ihm selbstverständlich auch von Seiten der jüdischen Selbstverwaltung in jedem Falle angeboten worden wäre.
Der Aufenthalt in Theresienstadt war für Friedmann persönlich nach Jahren eine Ruhepause. Nachdem er nicht mehr in der Hundertschaft arbeitete, versuchte er, im Rahmen der Wirtschaftsabteilung, sich an untergeordneter Stellung einzusetzen, konnte sich aber mit den dortigen Verhältnissen nicht abfinden und gab schliesslich die Arbeit auf. Nach einiger Zeit wurde ihm von Dr. Eppstein, dem Nachfolger Edelsteins als Judenältester Theresienstadts, mitgeteilt, dass die ‘übergeordnete’ Behörde es wünsche, dass er gemäss seinen Fähigkeiten eingesetzt werde, es untragbar sei, dass er die Mitarbeit sabotiere. Friedmann lehnte dies Eppstein gegenüber in eindeutigster und kompromissloser Weise ab und ging von diesem Zeitpunkt an als Arbeiter in eine landwirtschaftliche Gruppe. Kurz vor seiner Deportierung nach Auschwitz erneuerte sich der Druck von Seiten der Gestapo in vollem Masse, von Dr. Eppstein veranlasst. Friedmann musste seine Arbeit in der Landwirtschaft aufgben und eine Funktion in der Arbeitszentrale übernehmen. Diese Zeit war eine recht unerfreuliche für ihn. Er hatte viel mit Kleinlichkeiten und Eitelkeiten zu kämpfen und diese Dinge, vom Kreise der Mitarbeiter ausgehend, zermürbten ihn manchmal mehr als der lebensgefährliche Kampf mit der Gestapo.
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Dr. Eppstein
Es ist unbedingt notwending in diesem Zusammenhange kurz über Dr. Eppstein zu berichten, weil der Prototyp einer tragischen und verhängnisvollen Existenz als unmittelbare Folge des ungeheueren Druckes der Gestapo darstellt. Dr. Eppstein war ein junger begabter Dozent der Nationalökonomie, nicht sehr originell, nicht sehr mutig, und wäre unter normalen Umständen in keiner Weise wesentlich auffällig geworden. Durch Emigration und Tod seiner Vorgänger kam er automatisch in Laufe der Zeit an eine führende Stelle im der “Reichsverband Juden in Deutschland ” in Berlin. Eppstein war einige Wochen in Berlin in Haft gewesen und das hat ihn wohl moralisch zerbrochen. Er hatte dem ungeheueren Druck der Gestapo nachgegeben und war seither in allen Dingen ihr williges Werkzeug. Er war der geeignete Mann, um in dieser Zeit, in der - wie ich schon in der Einleitung sagte - nur noch bequeme Exekutivorgane notwending waren, die Stellung des Judenältesten in Theresientstadt zu übernehmen. Edelstein war es gelugen - abgesehen von internen Misständen, denen gegenüber er zu schwach war - von der Gestapo das Äusserste herauszuholen, was herauszuholen war. Seiner Intiative, seinem Mut und seiner Schlagfertigkeit verdankte man es, dass in dem ursprünglichen Konzentrationslager, in dem in der ersten Zeit 19 junge Menschen öffentlich hingerichtet wurden, eine relative erträgliche Atmosphäre herrschte. Im Jahre 1943, als dann Eppstein aus Berlin in Theresienstadt ankam, musste Edelstein ihm seinen Posten als Judenältester abtreten und wurde zu seinem Stellvertreter ernannt. Da hier zwei Welten aufeinanderprallten, war eine Zusammenarbeit, die für das Wohl des Kollektivs von grösster Wichtigkeit gewesen wäre, absolute unmöglich. Eppstein war in seiner ganzen Einstellung und in seiner ganzen Praxis das gerade Gegenteil von der bisher geschilderten Arbeitsweise Friendmanns, Edelsteins und ihres Kreises.
Während für diese Fälschungen, Sabotge etc. an der Tagesordung standen, war Eppstein ein überkorrekter, ergebener Diener. Während Edelstein, Friedmann den gesamten Druck der Gestapo auffingen und bewusst und konsequent auf sich konzentrierten, ihn niemals weitergaben, war Eppstein gegenüber seinen Mitarbeitern ein Tyrann und ständig bemüht, den ganzen Apparat unter Druck zu halten.
Um nicht unobjektiv zu erscheinen, will ich es nicht unterlassen zu berichten, dass Freunde Eppsteins, die sein Leben
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kannten, seine Haltung folgendermassen zu entschuldigen versuchten. Es wäre nämlich sein völlig anderer Lebensstil, seine preussische Korrektheit, die ihm derart in Fleisch und Blut übergegangen sei, dass er auch der Gestapo nicht anders als ‘korrekt’ handeln konnte. Dies kann vielleicht manches erklären, doch nicht entschuldigen. Es ist ja übrigens das gleiche Problem wie das des ganzen deutschen Volkes. Wir können nicht die Verwüstung Europas und die Hinschlachtung von Millionen Menschen damit entschuldigen, dass sie von oben ‘befohlen’ worden war. Es ist auch unwesentlich in diesem Zusammenhang nachzuforschen, in wieweit Eppstein an dem fast gleichzeitigen Tode Edelsteins und Friedmanns 'schuldig' war, die im Mai 1944 erschossen wurden. Eppsteins ‘Schuld’ ist mehr eine negative und besteht darin, dass er, als einer der wenigen schon damals genau Informierten, die Komödie der Gestapo mitmachte und nicht einmal andeutungsweise auf die Gefahr hinwies. Wie muss es in ihm ausgesehen haben, der jahrelang davon wusste, dass die Menschen und Freunde um ihm herum in den Gastod gingen und der dazu jahrelang schweigen konnte wie das Grab? Das gleiche gilt für Murmelstein, der prinzipiell die gleichen Methoden vertrat, allerdings in der Form brutaler und schmutziger.
Immer starker wurde der Druck der Gestapo, immer untragbarer die Praxis Eppsteins, Murmelsteins und ihrer Helfershelfer. Und immer grösser die Kluft zwischen diesem Kreise und Menschen wie Edelstein und Friedmann. Im November 1943 wurde Edelstein unter dem Vorwand, dass die Bevölkerungsstatistik nicht stimme, verhaftet und mit seiner ganzen Familie deportiert. Edelstein lebte noch genau 6 Monate im Bunker von Auschwitz, während seine Familie sich in einem Nebenlager befand. Nach genau 6 Monaten wurde er dort mit Frau, Kind und Schwiegermutter erschossen. Überlebende Mithäftlinge von Edelstein erzählten, dass er auch in der Haft niemals die Moral verloren hätte: er hielt Vorträge, stundenlange Diskussionen und war in seiner Haltung vorbildlich.
Mai 1944
Den Höhepunkt an Gemeinheit und Verlogenheit erreichten die Zustände in Theresienstadt im Sommer 1944. Die Nazis, die bis dahin Millionen von Menschen in brutalster Weise hingemordet hatten, wollten mit enem Mal der Welt zeigen, in welchem Wohlstand und Glück die Juden im Dritten Reich ihr Leben fristeten, Theresienstadt sollte das Schaustück wer-
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den. Man erwartete eine Kommission des Roten Kreuzes und bereitete sich in diesem Sinne darauf vor. Während im Innern der Häuser die Leute wie Heringe übereinander lagen, von Läusen und Schmutz geplagt, wurden aussen alle Häuser getüncht. Junge revolutionäre Maler, die jahrelang im geheimen das Grauen Theresienstadts gezeichnet hatten, wurden aufgefordert, mit ihren Kunstwerken Theresienstadt zu ‘schmücken’. Während in den Höfen alte Leute stundenlang Schlange standen, um ein bisschen Suppe zu erbetteln, die sich in nichts von schmutzigen Abwaschwasser unterschied, spielte am Marktplatz eine Kapelle. Und eines Tages wurde das schönste Gebäude der Stadt, in dem es gelungen war, ein Krankenhaus einzurichten, von den Kranken schleunigst evakuiert. Der grösste Saal wurde zu einem Konzertsaal umgewandelt und den Höhepunkt der ‘Festlichkeit’ blidete die Veranstaltung eines Konzertes zur Einweihung des Saales. Das Theresienstädter Orchester musste - im ausdrücklichen Auftrage Dr. Eppsteins - die Neunte Symphonie von Beethoven (“Freude schoener Götterfunke”) aufführen. Dieses Konzert war nur für geladene Gäste, - die sogenannte Elite des Lagers sollte daran teilnehmen. Friedmann bekam die offizielle Einladung und schickte sie mit dem Bemerken zurück, er wäre verhindert. Darauf bekam er eine weitere Einladung von der Leitung und eine direkte von Dr. Eppstein persönlich. Obwohl er sich infolge der gespannten Stimmung der Gefahr dieses Affronts bewusst war, erklärte er sich unter keinen Umständen dazu bereit, an dieser würdelosen Komödie teilzunehmen. Er stand auf dem Standpunkt, dass er als Privatperson in Theresienstadt lebe und niemand ihn dazu zwingen könne, an Dingen teilzunehmen, die ihm widerstrebten und dass er keine Verpflichtung hätte, in irgendeiner Form zu ‘repräsentieren’. Er war der einzige, der bei dem Konzert nicht zugegen war. Dies alles spielte sich wenige Tage vor dem Transport ab, in den er dann als Sonderhäftling eingewiesen wurde.
Sozusagen aus heiterem Himmel mitten in diesem Fest hinein, wurden im Mai 1944 drei Transporte a 2500 Menschen nach dem Osten abgefertigt. In der Nacht vor dem Abgang des letzten Transportes wurde Friedmann zu Eppstein gerufen und bekam den Auftrag, sich für den Transport vorzubereiten. Dr. Eppstein erklärte Friedmann, dass er das genaue Motiv zu dieser plötzlichen Deportierung nicht kenne, in der Kommandantur hätte man ihm aber
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angedeutet, dass dieser Transport nicht nach Polen ginge, sondern in ein neues Arbeitslager nach Dresden, dessen Errichtung Friedmann übertragen werden sollte. Diese schändliche Komödie wurde nicht nur vor Friedmann aufgeführt, sondern auch durch Flüsterpropaganda im Ghetto Theresienstadt verbreitet und so bewusst die Popularität Friedmanns zur ‘Hebung der Stimmung’ ausgenutzt. Trotz dieser scheinbar grossartigen Inszenierung hatten sie doch wenig Vertrauen in die Gutgläubigkeit Friedmanns. Sie wussten, dass er, wie kaum ein anderer, ihren Tricks gewachsen war und bekamen wohl Angst, dass er im letzten Augenblick verschwinden würde. Er wurde daher noch am selben Tage in Theresienstadt verhaftet, verbrachte die Nacht im Bunker und wurde früh - unter polizeilicher Bewachung - in die Sammelstelle gebracht. Er fuhr von Theresienstadt in einem normalen Transportwagen mit weiteren 50 Transportteilnehmern ab. Jedoch gleich auf der nächsten Station wurde er von SS-Mann Heindl aus dem Wagon geholt und fuhr von da ab in einem Sonderwagen unter Bewachung von dem genannten SS-Mann und 3 deutschen Schupos.
Auschwitz
Der gesamte Transport kam in das berüchtigte Familienlager. Auch Friedmann wurde ursprünglich in dieses Lager eingewiesen, wieder unter besonderer Bewachung, und wurde in dem Schreibstubenblock (Lageradministrative) abermals in Haft gesetzt. Da man in Auschwitz nichts mehr zu verlieren hatte und sich wenig an die Vorschriften hielt, hatten wir mit Friedmann während der zwei Tage, die er in diesem Lager in Haft verbrachte, ständing Kontakt. Die Aufträge, die von der Gestapo-Zentrale bezüglich seiner Person fast stündlich wechselten, waren der Lagerleitung völlig mysteriös. In den ersten Stunden bereits hiess es, dass er in diesem Lager nicht tätowiert werden dürfe, da er ins Männer-K.Z. zu überstellen sei. Am Tage darauf hiess es wieder, dass er als normaler Häftling des Familienlagers zu behandeln sei, bis dann plötzlich der Auftrag kam, ihn augenblicklich ins Männerlager zu überführen.
Friedmann war sich über seine Situation vom ersten Augenblick an vollkommen im klaren. Als wir ihm zum ersten Male in Auschwitz sprachen, sagte er - diesmal mit etwas bitterem Humor: “Nun habe ich die Partie doch verspielt”.
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Seine Ruhe, seine Überlegenheit, seine klaren Dispositionen und selbst noch seine Geduld mit der Verstörtheit und Panik seiner Umgebung war bewundernswerter als je zuvor in seinem Leben.
Er wurde am Abend des 21. Mai 1944 ins Männer-K.Z. eingewiesen und kam auf den Strafblock. Früh ging er mit der Belegschaft des ganzen Blocks zum Kommando, d. h. in der Auschwitz-Sprache: zur Arbeit. Der Capo des Kommandos hatte den Auftrag, ihn hinter die Postenkette zu führen und lehnte dies ab. Daraufhin ging ein SS-Mann mit Friedmann dorthin, wo einige Schritte weiter die Grenze für die Häftlinge gezogen war. Er wurde von hinten erschossen. Es wurde danach ein ausführliches Protokoll über seinen ‘Fluchtversuch’ - nebst genauer Beschreibung und Zeichnung! - niedergeschrieben, das den Titel trug:
“Auf der Flucht erschossen”
Wir haben in diesen zwei Tagen in Auschwitz alle Probleme erörtert, die sich aus dieser neuen Situation ergaben und sie in Ruhe besprochen. Am meisten quälte und beschäftigte Friedmann die Frage: wer and wie viele wissen die Wahrheit über Birkenau? Den Eindruck zu schildern, den 5 bei Tag und Nacht brennende Kamine und der ständige Geruch verbrannter organischer Substanz machten, überschreitet den Rahmen dieser Aufzeichnungen. Friedmann versuchte zu ergründen, welche Konsequenzen aus diesem Wissen um das Ungeheuerliche sich für den Einzelnen ergaben und kam zu dem Schluss, dass er niemals darüber hätte schweigen können, dass er - mit voller Unterschrift seines Namens - schriftlich oder durch jede mögliche Flüsterpropaganda die Wahrheit hätte verbreiten müssen. Trotz Panik und Chaos: mit dem Wissen um dieses Geschehen hätte niemand das Recht, es zu verschweigen. Er war auch der Meinung, dass der Einzelne doch mehr Chance gehabt hätte, das Risiko der Flucht auf sich zu nehmen und dass selbst ein eventueller Aufstand weniger Opfer gekostet haben würde als diese beispiellose Massenvernichtung.
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Friedmann sprach noch über vieles, mit einer Klarheit und Wahrhaftigkeit, die in diesen Stunden besonders erschütternd wirkten.
Ich erinnere mich noch an folgende Aesserung von ihm:
“Wenn später einmal über unsere Zeit und unsere Arbeit gesprochen werden wird und Ihr dabei sein solltet, gebt ruhig zu, dass es Andere vielleicht, sogar wahrscheinlich, besser gemacht haben mögen als wir. Aber wohl kaum mit reinerem Herzen und reineren Händen.”