Full text: Eyewitness account by the Jewish musician Paul Lichtenstern of his experiences in Austria and Germany until his emigration in 1939

P.II.b. No. 1197

Paul Lichtenstern.

Geboren: 19. Februar 1903.

Geburtsort: Leobersdorf Nieder Oesterreich.

Lebte 1913 -24 in Wien, 1924 -39 in Berlin.

Beruf: Pianist und Organist.

Johanna Metzger , geboren: 8. April 1916, heiratete Paul Lichtenstern 1940 in London.

Geburtsort: Berlin, lebte dort bis 1939.

Beruf: Sängerin.

Religion beider: Jüdisch.

Sohn: Bert David, geboren 6. Januar 1944 in London.

Paul Lichtenstern spielte schon mit 5 Jahren Klavier ohne Unterricht zu haben. Als er mit 10 Jahren, nach Wien übersiedelte, gab er anderen Kindern in der Schule Klavierunterricht. Er selbst hatte private Klavierstunden.

Aus seiner Schulzeit berichtet er, dass er in der Schule seines Heimatortes der einzige Jude war, dass er von anderen Kindern “Saujude” beschimpft worden ist.

1921 trat Lichtenstern in die Wiener Musikakademie ein, auch spielte er zu jener Zeit bereits öffentlich. Als sein Vater im Jahre 1924 starb, ging er nach Berlin, wohin ihm seine Mutter bald folgte. Die Mutter wechselte ihren Aufenthaltsort mehrmals zwischen Berlin und Wien, kam aber endgültig nach dem Anschluss Wiehs nach Berlin, weil -wie Lichtenstern hervorhob- die Österreichschen Nazis sich noch schlimmer gegen Juden benommen hätten als die Deutschen. 1942 wurde die Mutter deportiert.

Lichtenstern studierte in Berlin weiter am Sternschen Konservatorium, wo er mit der Holländer-Medallie ausgezeichnet


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wurde. 1928 gab er seinen ersten Klavierabend, war als Lehrer und Begleiter tätig und spielte im Inland und Ausland im Radio. 1930 erhielt er die staatliche Anerkennung als Lehrer. Diese Entwicklung seiner künstlerischen Laufbahn stellte Lichtenstern dar, um zu zeigen, welche Aussichten er hatte und welchen Platz er in der muaikalischen Welt bereits einnahm, als die Nazis seine Karriere zerstörten. (S. auch beiliegendes Kritiken-Blatt.)

Bereits 1932 hörte man auf, ihn am Rundfunk zu beschäftigen. Die staatliche Anerkennung als Musiklehrer wurde ihm nach 1933 entzogen, doch ist ihm der Zeitpunkt nicht mehr erinnerlich. Schüler durfte er nicht mehr unterrichten, doch auch die jüdischen Schüler hörten allmählich auf, was eine Folge der herrschenden Panik war. Er dachte gleich 1933 an die Auswanderung, und so ging er im Sommer 1933 mit einer sechsmonatlichen Besuchserlaubnis nach Antwerpen zu Verwandten, um sich dort zu orientieren. Er bekam aber weiterhin keine Aufenthaltsbewilligung, da er als Österreicher in sein Heimatland zurückgehen könnte, das damals noch nicht von den Nazis genommen worden war.

Eine Rückkehr nach Oesterreich lehnte Lichtenstern jedoch ab, weil dort, wie er sagt, bereits vor Hitler starker Antisemitismus geherrscht hatte und die allgemeine politische Situation recht unklar war. Er berichte als Beispiel: Er hatte in Wien bisher oft im Rundfunk gespielt, als Soloist und im besonderen als Vertreter von Professor Erich Meller. Von 1929 an bekam er keine Engagements mehr, was mit allerlei Ausreden begründet wurde, die vermutlich den Antisemitismus überdeckten.

So ging Lichtenstern nach Berlin zurück, wo sich ihm trotz der politischen Nazi-Situation Möglichkeiten boten. 1933 war der Jüdische Kulturbund dort begründet worden, in dem er mitwirkte, auch


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war er bald bei der “Künstlerhilfe” tätig. 1937 wurde er Organist bei der Jüdischen Gemeinde, eine Tätigkeit, die nach den Synagogenbränden eine Zeitlang unterbrochen wurde. Infolge seines Österreichischen Passes konnte er Konzertreisen unbehindert ins Ausland unternehmen, doch wurde ihm sein Pass entzogen, nachdem Österreich durch Hitler besetzt worden war, wodurch Lichtenstern zwangsweise als Deutscher Jude galt.

Nach 1933 war der “Preussische Landesverband Jüdischer Gemeinden” bemüht, den Juden in der Provinz Anregungen und Aufmunterung in dieser schweren Zeit zu geben, und Lichtenstern wirkte dabei vielfach mit. Bei jeder Veranstaltung waren ein Redner, ein Sänger und ein Pianist beteiligt. Der Grundgedanke mancher Reden war: Der Wiederaufbau des Deutschen Judentums. Die Programme mussten den örtlichen Nazi-Behörden vorgelegt werden, und zur Aufsicht war ein Nazi-Beamter anwesend. Dabei geschah es einmal, dass ein Gestapo die Vorführungen beanstandete, da sie ja etwas bezweckten, was den Absichten der Behörden entgegen war. Der Redner des Abends suchte dies zu widerlegen, indem er betonte, dass kein materieller Aufbau gemeint sei.

Eine merkwürdige Veranstaltung fand in einer kleinen Stadt im Rheinland statt. Die Vorführung wurde in einer Kirchenhalle gegeben, wo die Sängerin des Abends -Else Koch-Stabinski- Kolnidre gegenüber einem Christusbild sang. Sie war eine arische Opernsängerin, die mit einem jüdischen Kantor verheiratet war.

Gelegentlich dieses Berichtes hebt Lichtenstern hervor, dass er auf seinen Reisen bemerkte, dass natürlich überall die Juden durch die Gesetzgebung behindert und persönlich getroffen waren, dass aber doch grosse örtliche Verschiedenheiten darin bestanden.


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Die Zuspitzung der Lage in Deutschland veranlasste Lichtenstern aufs Neue nach der Möglichkeit einer endgültigen Auswanderung zu suchen. Es gelang ihm dies durch die Mithilfe eines früheren Schülers, der jetzt in England war. Im August 1939, also kurz vor dem Kriegsbeginn, traf er in London ein. Offiziel war er ein Garantie-Fall, doch war es eine Scheingarantie. Er bekam Unterstützung, die er aber später zurückgezahlt hat. Ende 1939 wurde er Organist in der damals neu gegründeten Deutschen Synagogengemeinde in London. Auch gab er Konzerte als Solist und Begleiter dort und im Deutschen Kulturbund und im Austrian Centre. Er wurde aber im Juni 1940 interniert und blieb auf der Isle of Man bis zum November des Jahres. Nach seiner Rückkehr baute er seine musikalische Tätigkeit wieder auf, soweit dies ohne offizielle Arbeitserlaubnis oder nur mit einer besonderen gelegentlichen Bewilligung möglich war.

Rückschauend sagte mir Lichtenstern auf meines diesbezügliche Frage: Dass er nicht ins Konzentrationslager gekommen sei, betrachte er als einen reinen Glücksfall. Aber ausserdem hätte wohl mitgesprochen, dass er kein Geld besass, dass er nie politisch tätig war, dann aber vor allem wohl weil er Angestellter der jüdischen Gemeinde gewesen ist.

Da er ausser in künstlerischer Hinsicht niemals innere Beziehung zu Christen gehabt habe, berührte ihn das Nazi-Geschehen wohl persönlich weniger, als es sonst der Fall gewesen wäre. Ich zitiere jetzt wörtlich: “Vom künstlerischen Standpunkt habe ich alles verloren, da ich von Natur und Erziehung eine besondere Liebe zu Deutscher Musik (Bach, Beethoven etc.) besass. Nazismus verbot mir solche Musik (mit Ausnahmen) öffentlich aufzuführen und alle ideellen Werte wurden wie auf den Kopf gestellt. Das ganze Musikleben in Deutschland vor Hitler


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und die Einstellung aller Menschen zu Musik war so verschieden von der Englischen Einstellung, dass Vergleiche unmöglich sind.”

Zwei Erinnerungen Lichtensterns seien zum Schluss noch wie-dergegeben: “Es war im Jahre 1937. Burchard Kaiser, ein bekannter Sänger, Schüler des jüdischen Tenors Max Mansfeld , und Besitzer des Goldenen Parteiabzeichens, wandte sich an mich mit der Bitte mit ihm zu arbeiten. Auf meinen Einwand (er rief mich telephonisch an), wir wollen darüber lieber nicht am Telephon reden, sagte der Sänger: Ich weiss, was Sie meinen, aber ich will wenigstens persönlich einiges von all dem Unrecht wieder gut machen etc.

Burchard Kaiser musizierte einige Male mit mir, damit, wie er sich ausdrückte, er wieder einmal Musik singen könnte (Krenek etc.), die er öffentlich nicht mehr singen dürfte. Dabei erzählte er auch, dass er zwar oft noch Schumann's Dichterliebe sänge (Text von Heine-also verboten). Aber er sage einfach: Dichter unbekannt. Diese Idioten haben ohnehin keine Ahnung .”

1937 oder 38 ein Ausflugserlebnis: “Viele Lokale waren für Juden verboten. In einem Vorort im Osten Berlins bestellte ich in einem Restaurant-Vorgarten etwas zu essen. Als ich nachher im Saal des Gebäudes doch das übliche Schild entdeckte und dem Kellner sagte, ich wäre nicht gekommen, hätte ich es rechtzeitig gesehen, erwiderte er: Wir müssen mussten das Schild nehmen, haben es aber möglichst versteckt.”

Paul Lichtenstern

Johanna Lichtenstern geborene Metzger verliess 1933 die Schule, weil der Antisemitismus dort bereits fühlbar wurde. Sie gab damit ihre Absicht zu studieren auf. Die Klassenlehrerin wollte dies nicht zulassen und tat alles, um den Abbruch der Schule vor der Beendigung zu verhindern. Johanna ging aber nicht auf den Wunsch der Lehrerin ein. Sie ging nach Dänemark auf Hachscherah, lernte auch Haushalt und


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trat 1935 in das Wolffheimsche Kindergärtnerinnen-Seminar (Umschulungslehrgänge der Jüdischen Gemeinde zu Berlin) ein, das sie 1½ Jahre bis zu bestandenem Examen blieb. Sie leitete dann einen Privat-Kindergarten. Folgendes Erlebnis ist Johanna besonders scharf in Erinnerung geblieben. Als sie mit den Kindern spazieren ging, blieb eine Dame stehen, sah ein besonders hübsches und betont jüdisch aussehendes Mädchen scharf an und sagte zu ihrer Begleiterin: “Sieh dies Judenkind! Dass soetwas noch immer lebt'.”

Im Jahre 1936 begann Johanna ihre Ausbildung zur Sängerin bei Wilhelm Guttmann in Berlin.

Oktober 1938 wurde Johanna Metzgers Vater gelegentlich der Polenaktion abgeholt und nach dem Osten gebracht. Johanna sah den Abtransport und war erschüttert von der rohen Behandlung, die dabei den Juden zu Teil wurde. Den Vater einer Freundin z.B., der vom ersten Weltkrieg her ein lahmes Bein hatte, sties man grob in den Viehwagen hinein, weil es den Nazis nicht schnell genug ging, auch alle alten Leute wurden so behandelt. Johanna kochte vor Wut, als sie dies alles sah. Das Polnische Konsulat benahm sich noch schlimmer als die Nazis selbst. Die verängstigten Frauen, deren Männer abgeholt worden waren, kamen Rat und Hilfe suchend aufs Konsulat. Die Beamten dort liessen die Frauen durch die herbeigerufene Polizei hinauswerfen.

Johanna übernahm es, während des Abtransportes Botschaften der Gefangenen an ihre zurückgebliebenen Familien zu übermitteln.

Bemerkenswert ist das freundliche Verhalten eines im Hause wohnenden arischen Ehepaares, deren zwei Söhne in der Hitlerjugend waren: Sie brachten, nachdem Herr Metzger abgeholt worden war, am Freitag Abend Wein an die Hintertür zu als Trost und Stärkung der Metzgers.

Frau Metzger hatte bisher noch ihren Polnischen Pass gehabt, der ihr aber -wie allen Juden- nach 1939 nicht mehr erneuert wurde, da man verhindern wollte, dass die Juden nach Polen zurück-kehrten.


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Eine Schwester von Johanna war bereits 1937 nach England ausgewandert, und es gelang ihr, die Mutter Juni 1939 nachkommen zu lassen. Auch der Vater kam noch kurz vor dem Kriege nach England, da ihm Amerikanische Verwandte das zu seiner Befreiung nötige Geld überwiesen hatten. Johanna wartete in Berlin auf das Domestik-Permit, das sie erst Ende Juli 1939 erhielt, so dass sie nach England auswandern konnte. Eine Zeitlang hatte sie vorher in Berlin in einem Hospiz der Heilsarmee gewohnt, einer Art Obdachlosen-Quartier. Sie machte sich dort beliebt, dadurch dass sie die Hymnen so schön mit ihnen sang.

Vorher -1938- hatte sie Paul Lichtenstern kennen gelernt. Ein Kollege von ihm sollte Johanna Metzger bei einem Konzert begleiten. Kurz vor dem Beginn wurde er abgeholt und verschickt, und Paul Lichtenstern sprang für ihn ein, das war der Beginn einer Bekanntschaft, die erst 1940 in England zu ihrer Ehe führte.

Im Mai 1940 kam Paul Lichtenstein auf die Isle of Man, und auch Johanna, die durch ihre Heirat “enemy Alien” geworden war, wurde ebenfalls interniert und blieb 8 Monate im Lager.

Nach der Befreiung wohnten sie zuerst bei ihren Eltern in grösster Enge. Johanna setzte ihre Gesangstudien fort, hauptsächlich bei Sabine Kalter. Das Ehepaar gab gemeinsam Konzerte in Refugee-Organisationen und vielfach vor Soldaten, insbesondere in Polnischen Lagern.

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